Der Ast, auf dem ich sitze (2020)

Der Ast, auf dem ich sitze (2020)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Im Zuge der Globalisierung

16. Zurich Film Festival 2020
Glencore machts möglich.
Glencore machts möglich. © First Hand Films

Es ist nicht nur die Weihnachtsbeleuchtung, die sich in Zug seit den Siebzigerjahren verändert hat. Doch an ihrer heutigen Opulenz liesse sich der Wandel vom verschuldeten Pflaster im Schatten Zürichs zum Welthandelsplatz auf Augenhöhe mit Shanghai, London und New York gut festmachen, meint Regisseurin Luzia Schmid. Sie ist in der heutigen Schatzkammer der Schweiz grossgewachsen, «in einem Steuerparadies», wie sie sagt. Mittlerweile wohnt sie in Deutschland und ist gerade zu Besuch bei ihrer Schwester Andrea, einer Zuger Anwältin und ehemaligen wirtschaftsliberalen Politikerin.

Dito.
Dito. © First Hand Films

Sie zahle 8000 Franken mehr Steuern als ihre Schwester, schüttelt Luzia den Kopf - die Zuger Steuerpolitik macht es möglich. Ganz legal. Luzia verweist auf deren Schattenseiten: Geld werde verschoben, was Menschen anderswo zugute kommen sollte. Trotz der Befürchtung, dass sie mit ihrer Haltung zur Nestbeschmutzerin werden könnte, holt Luzia Zeitzeugen vor die Linse und hinterfragt die damaligen Finanzreformen aus heutiger Sicht. Denn die soziale Verantwortung, die sich mit dieser Steuerpolitik aufgeladen hat, geht weit über die Kantonsgrenzen hinaus. Und deren Auswirkungen sind noch heute spürbar.

In der Finanzwelt wird es schnell einmal unübersichtlich. Luzia Schmid bricht in ihrer Doku deren Komplexität gut herunter und vermittelt den Wandel ihrer Heimatstadt Zug vom Schuldenflecken zum Geldmagneten mit persönlichem, vorsichtigem Blick. So werden in dieser aufschlussreichen Geschichtslektion, die vieles streift und trotzdem alles im Blick behält, Skandale angekratzt - so, dass man nach dem Schauen gerne noch selbst recherchieren geht.

Steuerschlupflöcher, Briefkastenfirmen, gemischte Gesellschaften: Wenn's um Profit geht, kennt die Kreativität der Manager keine Grenzen. Und die saubere und beschauliche Schweiz liefert die perfekte Fassade für den ganz normalen Wahnsinn der aufblühenden Globalisierung. Luzia Schmids historische Spurensuche bereitet die trockene Materie leicht verständlich auf und macht die Zeitzeugen dank der persönlichen Herangehensweise der Autorin sehr nahbar, beispielsweise wenn ihr Vater erzählt, dass seine Kanzlei bisweilen täglich vier, fünf Firmen gegründet habe. Manchmal sei eben einer mit einem Köfferchen vorbeigekommen, gefüllt mit 50 Tausend Franken. Nach getaner Arbeit gabs dann zur Belohnung ein Käfeli.

Diese gängige Praxis, die aus heutiger Sicht merkwürdig erscheint, war damals ganz legal - das grösste Stück vom Kuchen habe einfach der Cleverste bekommen. Und die meisten seien immer pflichtbewusst und rechtschaffen gewesen. Man hat einfach noch nicht genau hingeschaut, woher das Geld kommt. Noch heute scheint der Dunst dieser Geht-mich-nichts-an-Mentalität über dem Zug der klotzigen Beton-Glas-Häuser zu schweben. Kein Wunder, denn keine Fragen bedeuten keine Probleme.

Doch der legale Rahmen solcher Steueroptimierungsprozesse wurde verkleinert und die ethische Diskussion um Geldverschiebungen spitzt sich zu. Man erfährt, dass es bereits in den Achtzigerjahren Menschen gab, die auf die Schattenseiten der Zuger Fiskalpolitik aufmerksam gemacht haben, doch die wurden im neoliberalen Kanton als lästig und missgünstig empfunden. Spätestens mit dem Fall des Bankgeheimnisses und der aufgegleisten Konzernverantwortungsinitiative scheint der Wind aber gedreht zu haben.

Diesbezüglich wird der Film besonders aufschlussreich, denn die damals so fortschrittlich geltenden Zuger wirken, als würden sie heute moralisch ihrer Zeit hinterherhinken. Dann eiert der sonst besonnene CVP-Präsident Gerhard Pfister argumentativ herum und hobelt sich schlussendlich ehrlicherweise selbst aus, dann schlägt die Offenheit von Luzias Schwester um in pikierten Snobismus. Denn unter «vorwärts» verstehen viele auch heute noch einzig «wirtschaftlich vorwärts» - die Wurzeln dieses Selbstverständnisses liegen im Zug der Nachkriegsjahre, damals, als die Politik zur Sklavin der Wirtschaft und der Anwälte wurde.

Das ist sie im Wesentlichen auch heute noch. Und das ist sie auch in Sambia, wo der Rohstoff-Riese Glencore Kupfer abbaut. Glencore, eine Firma mit Sitz in Zug, berüchtigt für ihre Grenzgänge im juristischen und ethischen Zwielicht, spielt seine Macht hier wie jenseits des Äquators aus. Versteuert wird ihr Profit in Zug, die Demokratie im Süden Afrikas hat nichts davon. Hier zeigt Schmid auf, dass die Moral nicht vor unserer Haustür Halt macht, auch nicht im kleinen Zug, das man in dieser Dokumentation als Big Player kennenlernt.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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