Arada - Verbannt in eine fremde Heimat (2020)

Arada - Verbannt in eine fremde Heimat (2020)

  1. 83 Minuten

Filmkritik: Sehnsucht nach Spiessigkeit

Rot-Orange oder Rot-Blau?
Rot-Orange oder Rot-Blau? © cineworx

Sie reden Schweizerdeutsch, spielen Videogames und mögen Fussball. Vedat und Duran wirken wie ganz normale Secondos. Das waren sie auch, bis sie vor einigen Jahren auf die schiefe Bahn gerieten und deshalb aus der Schweiz gewiesen wurden. Nun dürfen sie nicht mehr in das Land einreisen, in dem sie aufgewachsen sind. Duran hat in der Schweiz eine Frau und einen kleinen Sohn, die er nur alle paar Monate sehen kann, Vedat hat seine Geschwister und all seine Freunde in der Schweiz, und auch seine Mutter will in ihr Gastland zurückkehren, weil sie sich in Istanbul nicht mehr heimisch fühlt. Nur er selbst bleibt zurück, gezwungenermassen.

Aussicht auf bessere Zeiten.
Aussicht auf bessere Zeiten. © cineworx

Ein ähnliches Schicksal hat der etwas ältere Mustafa. Bereits vor 26 Jahren musste er die Schweiz verlassen. Auch er hat einen mittlerweile erwachsenen Sohn, zu dem er den Kontakt wiederherzustellen versucht. Genauso wie Vedat und Duran lebt er in der Türkei ein Leben in der Warteschleife, darauf hoffend, dereinst wieder in die Schweiz zurückreisen zu können. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam.

Mit seinen drei gmögigen Protagonisten Vedan, Duran und Mustafa hat der Regisseur Jonas Schaffter einen kleinen Glücksgriff getan. Die drei erzählen so offen über ihr Leben, man vergisst fast, dass es sich um ehemalige Straftäter handelt. Arada kann so mit einer authentischen Nähe punkten und Aussenstehenden das Schicksal der drei Männer erfühlbar machen. Wirklich objektiv mag das nicht sein, doch Objektivität ist nicht immer der einzige Bewertungs-Massstab.

Es wirkt fast schon rührend spiessig, wenn einer der drei Protagonisten in Jonas Schaffters Film davon erzählt, wie er von einem Häuschen mit eigenem Garten oder Spaziergängen an der Aare träumt. Die Schweiz ist für sie eine Art verlorenes Paradies, das sie wegen begangener Sünden verlassen mussten; und in das sie hoffen, dereinst zurückzukehren. Inwiefern sie dieses Loblied auf die Schweiz forciert haben in der Hoffnung, durch ihr Mitwirken im Film die Aufmerksamkeit von mitfühlenden Bundesbeamten zu erwecken, bleibt offen. Aber es sei ihnen verziehen. Denn ihre Schicksale gehen ans Herz: Man spürt die Entwurzelung der drei Männer, nachdem sie das Land haben verlassen müssen, das sie nach wie vor als ihr Heimatland bezeichnen.

Arada - der türkische Titel bedeutet zu Deutsch so viel wie «dazwischen» - gibt einen Einblick in das zermürbende Warten der drei Männer. Schaffter gelingt es auf unaufgeregte Weise, seine drei Protagonisten von anonymen Straftätern zu Menschen zu machen. Auch Humor blitzt immer wieder auf, beispielsweise als der bullige Duran seine Zuneigung zu einem süssen kleinen Hündchen entdeckt.

Gerade in solchen Passagen scheint die (klein-)kriminelle Vergangenheit der Protagonisten fast schon unwirklich - und das, obwohl sie offen darüber reden. Und dies ist Stärke und Schwäche des Filmes zugleich. Schaffter nimmt das Publikum in seinem Film in eine Art Kumpel-Rolle, er stellt sich auf die Seite seiner Protagonisten. Dadurch schafft er eine emotionale Verbindung, wodurch er aber zwangsläufig ein Stück seiner Objektivität opfert.

Man kann dem mit 82 Minuten sehr knackig gehaltenen Film so eine allzu einseitige Sichtweise vorwerfen. Den Anspruch, sich differenziert mit den Folgen der Ausschaffungsinitiative auseinanderzusetzen, kann er deshalb nicht erfüllen. Dazu wären auch Interviews mit anderen Exponentinnen und Exponenten notwendig gewesen; Behördenvertreterinnen und -vertretern beispielsweise, die für die Ausschaffungsentscheide verantwortlich zeichnen. Auf der menschlichen Ebene hingegen funktioniert der Film wunderbar. Es wäre den Protagonisten jedenfalls von Herzen zu gönnen, wenn sie sich den Traum vom Häuschen im Grünen dereinst erfüllen können. Spiessigkeit hin oder her.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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