Antebellum (2020)

Antebellum (2020)

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  2. 105 Minuten

Filmkritik: John Wick macht nicht mit

16. Zurich Film Festival 2020
Candyland
Candyland © Impuls Pictures AG

Eden (Janelle Monáe) gehört zu einer neuen Gruppe Sklaven auf einer Baumwollplantage im Süden der USA. Sie muss sich nicht nur auf den Feldern beim Pflücken abrackern, sondern auch im Haushalt des Generals (Eric Lange) dienen, mit dem sie ungewollt das Bett teilen muss. Immer wieder kommen neue Sklaven auf die Farm, und mehrere Fluchtversuche endeten im Tod. Trotz dieser ausweglos scheinenden Situation möchte Eden die junge Julia (Kiersey Clemons) zum gemeinsamen Ausbruch überreden.

The Roof is on Fire
The Roof is on Fire © Impuls Pictures AG

Die Flucht wird durch die skrupellose Herrin der Farm (Jena Malone) erschwert, die immer ein kritisches Auge auf die Machenschaften ihrer Sklaven wirft. So gilt auf dem ganzen Gebiet absolutes Redeverbot für die unfreiwilligen Arbeitskräfte. Da ist es natürlich nicht einfach, einen Fluchtplan auszuhecken. Hinzu kommt, dass Eden überhaupt keine Ahnung zu haben scheint, wo sie sich genau befindet. Hinter den Grenzen des Anwesens könnten sich also noch weitere, unerwartete Gefahren verbergen.

Mit seiner ganz besonderen Ästhetik und starken Hauptdarstellerinnen ist Antebellum eine spannende Angelegenheit voller Twists und einem zwar plakativen, aber deshalb nicht minder relevanten Bezug zur aktuellen Wirklichkeit in den USA und anderorts. Es lohnt sich jedoch, Trailern und Zusammenfassungen aus dem Weg zu gehen, um den maximalen Überraschungseffekt erleben zu können.

Wer von Antebellum den von der Marketingkampagne versprochenen Horrorthriller der Marke Get Out erwartet, mag den Kinosaal enttäuscht verlassen. Zwar ist der soziopolitische Hintergrund aus Jordan Peeles Meisterstück ebenso vorhanden, doch sucht man Horrorelemente vergeblich. Vielmehr ist der Film der Regieneulinge Christopher Renz und Gerard Bush eine Mischung aus Sklavendrama und Mystery-Thriller mit einer Prise trashiger B-Movie-Elemente, die sich gegen Ende deutlich in den Vordergrund drängen.

Die Geschichte von wird in drei deutlich voneinander getrennten Akten erzählt, die nicht chronologisch angeordnet sind. Durch diese simple Idee wird die Spannung aufrechterhalten und funktionieren die Wendungen effektiv. Vor allem im zweiten Akt kann viel gerätselt werden, während sich die Geschehnisse auf der Leinwand entfalten. In diesem Teil stösst auch die aus Precious bekannte Gabourey Sidibe zum Cast hinzu, die sich als Geheimwaffe entpuppt und mit ihrer lebendigen Art viel Humor und frischen Wind hineinbringt. Über weite Strecken hinweg überwiegen nämlich schwer verdauliche und realistisch brutale Szenen, so dass eine Abwechslung willkommen ist.

Diese Gegensätze, die der Film zeigt, sollten eigentlich ein Schleudertrauma auslösen, aber die Kombination funktioniert. Gerade die überhöhten Momente wie die Over-the-Top-Performance von Jena Malone (The Neon Demon) machen den Unterhaltungswert aus, und die Unkenrufe, die behaupten, dass das Thema nicht mit genug Ernsthaftigkeit behandelt würde, rufen vergeblich. Das Genrekino hat sich schon immer kritisch mit dem aktuellen Geschehen befasst, und Antebellum macht dies auf eine interessante Weise, ohne das schwere Schicksal der Sklaven zu verharmlosen oder auszuschlachten.

Obwohl es durch das Gezeigte bei Zuschauern zu schwitzigen Händen oder unangenehmen Gefühlen in der Magengrube kommen könnte, fehlt der Thrill der Marketingkampagne. Vergleiche mit der Netflix-Serie Black Mirror liegen deutlich näher als jene zu Us. Einzig der effektive Score flirtet etwas enger mit dem Horrorgenre.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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