All Day and a Night (2020)

All Day and a Night (2020)

Filmkritik: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Netflix
Wie der Vater so der Sohn.
Wie der Vater so der Sohn. © Netflix

Jahkor Abraham Lincoln (Ashton Sanders) erschiesst gleich zu Beginn ein junges Paar in deren Appartement. Wenig später wird er von der Polizei festgenommen und er kommt in dasselbe Gefängnis, in dem bereits sein Vater James Daniel Lincoln (Jeffrey Wright) einsitzt. Wie konnte es zu dieser verhängnisvollen Nacht kommen?

Jahkor mit seiner Freundin
Jahkor mit seiner Freundin © Netflix

13 Jahre früher erzählt Jahkor, dass es ausserhalb des Gefängnisses nicht anders sei als im Gefängnis. Nur seien die Mauern ausserhalb des Gefängnisses unsichtbar. Jahkor wird als kleiner Junge immer wieder von seinem Vater verprügelt. Auf des Vaters Nachfrage hin, muss Jahkor immer wieder bestätigen, dass die Prügel nicht zu hart waren. Damit versucht der Vater Jahkors Mutter zu beruhigen. Jahkor erzählt auch davon, dass sein Grossvater zum Zeitpunkt als sein Vater 6 Jahre alt war, schon neunmal im Gefängnis gewesen war. Das Viertel, in dem Jahkor aufgewachsen ist, scheint ziemlich trostlos. Gewalt und Drogen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Als Jahkor erfährt, dass er selber Vater wird, setzt das bei ihm ein Denkprozess in Gang.

All Day and a Night ist ein Drama über einen jungen Afroamerikaner, der davon träumt, Rapper zu werden und so der Armut zu entkommen. Vor allem aber möchte er aus seinem Viertel flüchten, das einem Gefängnis gleicht und in dem es wahrscheinlich ist, dass er so wird wie sein Vater: gewalttätig und kriminell. Der Film reisst einen nicht aus dem Sessel, man kann aber auch nicht viel daran kritisieren. Mit seinen zwei Stunden ist er aber definitiv zu lange geraten.

Als Regisseur trat Joe Robert Cole seit 2011 (Amber Lake) nicht mehr in Erscheinung, dafür war er in den letzten Jahren vermehrt als Drehbuchautor tätig (Black Panther, American Crime Story: The People v. O.J. Simpson). Die Hauptrollen in seinem neuesten Film spielen Ashton Sanders (als aufstrebender Rapper) und Jeffrey Wright (als dessen Vater).

Der Film erinnert stark an All Eyez On Me, die Filmbiografie über den Rapper Tupac Shakur. Leider fehlt es All Day and a Night allerdings an guter Musik und natürlich an der Authenzitität einer realen Persönlichkeit mit Strahlkraft.

Joe Robert Cole wirft in seinem Film, für den er auch das Drehbuch schrieb, Fragen auf. Zum Beispiel wie selbstbestimmt man ist und wie wichtig das Milieu ist, in dem man aufwächst. Er beantwortet sie ziemlich ernüchternd. Auf sehr brutale, folgen immer wieder bedrückende Szenen. Diese Stille in einigen Szenen ist sehr aussergewöhnlich. Es ist als Zuschauer auch bedrückend zu sehen, dass fast jeder in diesem Viertel ein Krimineller ist. Die Ausweglosigkeit ist förmlich zu spüren.

Die Frage ob die Erzählstruktur des Films zu dessen Vorteil, gereicht bleibt unbeantwortet. Das Ende der Geschichte wird gleich zu Beginn gezeigt und der weitere Verlauf ist in der Folge leider ziemlich vorhersehbar. Hauptdarsteller Ashton Sanders macht seine Sache ordentlich, Jeffrey Wright spielt seine Rolle sehr gut, bekommt aber leider zu wenig Bildschirmpräsenz.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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