Acasa, My Home (2020)

Acasa, My Home (2020)

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  2. 86 Minuten

Filmkritik: Im Schatten der Grossstadt

16. Zurich Film Festival 2020
Die letzten Văcărești-Moorianer
Die letzten Văcărești-Moorianer © Manifest Film

«Schau mal, Otter-Kacke!», ruft einer der Jungs, die in einem Bötchen durch das Moor schippern. Der älteste von Ihnen, Vali Enache, ist gerade dabei, einen jungen Schwan aus dem Dickicht zu ziehen. Nachdem er sich auf ihn gestürzt hat, lässt er ihn wieder frei und taucht kurze Zeit später mit einem soeben gefangenen Fisch im Mund unter die Wasseroberfläche. Hier sind die Enaches seit jeher zu Hause, leben alleine, bedürfnislos und einfach in einer Baracke inmitten eines 190 Hektare grossen Fleckens Natur. Unberührt von der gleich daran angrenzenden Grossstadtsiedlung.

Hier im Bukarester Stadtteil Văcărești wollte Diktator Ceaușescu einst ein Wasserreservoir errichten lassen. Das Vorhaben schlug fehl und die Gegend blieb bis heute unbebaut. Die Natur eroberte sich schliesslich das Gebiet zurück und blühte auf, weswegen es 2014 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Damit wiesen die Behörden auch die Familie Enache an, das Feld zu räumen. Deren Familienoberhaupt, das vor 18 Jahren aus der Zivilisation flüchtete und hier seine Kinder grosszog, denkt nicht im Traum daran, seine Heimat zu verlassen. Doch die Wahl hat er nicht.

Acasa, My Home ist ein starkes Stück rumänischen Kinos, das dokumentarisch Gegensätze gegeneinander laufen lässt und am Beispiel der Aussteiger-Familie Enache nicht nur kritisch auf den Umgang der Behörden mit sozial Schwächeren blickt, sondern auch die Grundpfeiler der zivilisatorischen Mechanismen abklopft.

Der Damm, der die Grossstadt vom Moor trennt, steht sinnbildlich für die Situation der Familie Enache; sie ist das Epizentrum der Gegensätze. Hier prallen Idealismus und Pragmatismus, Privilegierung und Diskriminierung sowie patriarchalische und liberale Familienstrukturen aufeinander. Acasa, My Home ist ein Film der Konflikte, der diese in gegensätzlichen Habitaten gegeneinander laufen lässt. Was dabei geschieht und die interessanten Verwandlungen, die die Familienmitglieder dabei durchlaufen, verfolgt er mit ruhigem und neutralem Blick.

Kein neutraler Blick wirft er allerdings auf die Schikanen, welche die sozial schwache Familie Enache erdulden muss. Sich andere Lebensstrukturen gewöhnt, findet sie sich in der zivilisatorischen Verbannung nicht zurecht. Während die Behörden die Sicherheiten der Zivilisation geradezu verklären, wäre den Enaches ihre alte Freiheit lieber. Mulmig nimmt man zur Kenntnis, wie sehr die Zivilisation uns uniformiert.

Allmählich ahnt man, dass sich gewisse Gegenpole zwar miteinander verquicken, aber nicht verschmelzen lassen. Subtil webt Regisseur Radu Ciorniciuc seinen sarkastischen Kommentar dazu ein, indem er einen Ranger des neuen Naturschutzgebietes zeigt, der einer Schulklasse einen Vogel präsentiert und erläutert, dass der eben in die Freiheit gehöre und nicht für den Käfig gemacht sei.

Doch für Aussteiger hat man im Schatten der Grossstadt kein Gehör; dass der Mensch kein Teil der Natur sein darf, ist hier Grundsatzentscheid. Man erkennt, dass selbst die sogenannte «Natur» auch nur deswegen Natur ist, weil sie der Mensch als solche deklariert. Die Zivilisation erweist sich als ein sich unaufhörlich füllendes Reservoir mit unsichtbarem Damm: Es wäre wohl Zeit, etwas Wasser abzulassen, bevor es überläuft.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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