Aalto (2020)

Aalto (2020)

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  2. 103 Minuten

Filmkritik: Ein Bonvivant revolutioniert die Welt der Architektur

Viel Holz und runde Oblichter: Merkmale von Alvar Aaltos Schaffen.
Viel Holz und runde Oblichter: Merkmale von Alvar Aaltos Schaffen. © Xenix Filmdistribution GmbH

Der finnische Architekt und Designer Alvar Alto galt in den Zwanziger- und Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts als radikale neue Stimme der modernen Architektur. Von seinen Anfängen in Finnland bis zu Prestige-Objekten in den USA zeichnet Aalto den Weg eines Mannes, der die Architekturwelt über einen Zeitraum von rund 50 Jahren geprägt und entscheidend mitgestaltet hat. Über 300 Bauwerke entstanden weltweit nach seinen Plänen. Bauwerke, die Aaltos Philosophie des «einfachen Menschen» mit den Strömungen des Bauhaus vereinten. Gebäude, die heute noch Bestand haben und wegweisend sind.

Aalto entwarf ein Teilgebäude des MIT in Cambridge, das vor allem durch seine Form auffiel.
Aalto entwarf ein Teilgebäude des MIT in Cambridge, das vor allem durch seine Form auffiel. © Xenix Filmdistribution GmbH

Mit ihrem Dokumentarfilm widmet die finnische Regisseurin Virpi Suutari dem Künstler und seiner nicht weniger bedeutenden Ehefrau Aino ein eindrückliches Porträt, das nicht nur Aaltos Schaffen, sondern auch seinen eigentümlichen Charakter, die unbändige Liebe zu seiner Frau und seine Bedeutung in der Geschichte der Architektur beleuchtet.

Die Bildsprache von Virpi Suutaris Dokumentarfilm fällt im Kontrast zum bewegten Leben des Protagonisten ruhig aus, lässt Aaltos Gebäude und Räume sekundenlang stehen und wirken und untermalt sie mit einem stellenweise etwas gar experimentell ausgefallenen minimalistischen Score. Obwohl sich der Film eher an ein kulturhistorisch oder architektonisch versiertes Publikum richtet, ist Aalto auch für Architektur-Laien verständlich und bringt spannende Einblicke in ein Schaffen, das bis heute sichtbar geblieben ist.

Dokumentarfilme über Künstler haben immer die schwierige Aufgabe, die richtige Mischung aus Künstlerporträt und Werkanalyse zu finden. Aalto gelingt dieser Spagat bisweilen sehr gut und legt in der ersten Hälfte den Fokus vermehrt auf das bewegte und für damalige Verhältnisse schon überraschend moderne und gleichgestellte Privatleben von Alvar Aalto und seiner ersten Ehefrau Aino.

Der Film zeigt dabei das schwierige und doch liebevolle Zusammenleben, das gemeinsame künstlerische Schaffen, wie auch die Bedeutung Ainos als studierte Frau in einer männerdominierten Branche. In der zweiten Hälfte des Films - nach Ainos frühem Tod - verschiebt sich das Augenmerk des Films dann eher auf die Werke des Architekten, porträtiert ihn und sein Schaffen auf dem Höhepunkt - und der Zeit danach, bis zu seinem Tod 1976.

Spannend ist dabei, dass der Film Aaltos Werke stets in den geschichtlichen Kontext setzt, sei es die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Aalto fast schon eine unantastbare, aus der Architekturwelt und Gesellschaft nicht wegzudenkende Figur war, bis in die späten Sechzigerjahre, als sich der einstige radikale Bonvivant in den Augen der neuen Generationen zu einem kapitalistischen Relikt, einem regelrechten Dinosaurier, gewandelt hat, dem es entgegenzuhalten galt.

Erzählt wird der Film mit einer Mischung aus zeitgenössischen Radio-Interviews, vorgetragenen Briefwechseln zwischen dem Ehepaar wie auch Interviews mit Weggefährten und heutigen Fachleuten aus den Bereichen Architektur und Kunst. Spannend ist dabei, dass Regisseurin Virpi Suutari konsequent darauf verzichtet, die interviewten Personen zu zeigen. Der ganze Film stellt visuell Aaltos Bauwerke, die designten Möbel und privaten Aufnahmen in den Fokus und verzichtet weitgehend auf persönliche Darstellungen - abgesehen vom titelgebenden Protagonisten und seiner ebenso bedeutenden Ehefrau. Auf diese Weise umgeht Suutari die Gefahr, ihren Protagonisten zu romantisieren und bleibt doch nahe und genug an ihm dran, um ihn fürs Publikum greifbar zu machen.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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