ADN (2020)

ADN (2020)

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  3. 90 Minuten

Filmkritik: Die Identität liegt nicht nur in den Genen

16. Zurich Film Festival 2020
Was am Ende übrig bleibt?- Ein Foto.
Was am Ende übrig bleibt?- Ein Foto. © Frenetic Films

Paris im August: Die Hitze liegt schwer über der Stadt, als Neige (Maïwenn) ihren über alles geliebten Grossvater besucht. Das Altersheim, in dem er wohnt, wird zu einem Treffpunkt für die gesamte Familie. Man schwelgt in Erinnerungen, erzählt dem Grossvater Ereignisse aus dem eigenen Leben, macht Fotos. Aber es dauert nicht lange und die innerfamiliären Spannungen treten zutage. Schon bald wird nur noch kritisiert, genörgelt, widersprochen und die Nerven liegen blank.

Diese Beziehung lässt sich nicht mehr retten.
Diese Beziehung lässt sich nicht mehr retten. © Frenetic Films

Als der Grossvater stirbt, bricht für Neige eine Welt zusammen und sie stürzt in eine Identitätskrise. Ausgehend von ihrem algerischen Grossvater, beginnt sie auf eigene Faust Nachforschungen über ihre genetische Identität anzustellen. Denn die Beziehung zu ihren geschiedenen Eltern Pierre (Alain Françon) und Caroline (Fanny Ardant) ist mehr als nur etwas unterkühlt. Unterdessen führen Fragen zur bevorstehenden Bestattung innerhalb der Familie zu erbitterten Diskussionen um Identität, Religion und den angemessenen Abschied.

Inszeniert mit viel Liebe zum Detail, nimmt ADN das Publikum mit auf eine Identitätssuche, die weit über einen Gentest hinausgeht. Mal witzig, mal bitterböse und verletzend, bringen die klug konstruierten Dialoge eine grosse Bandreite an Gefühlen zum Ausdruck. Nahaufnahmen erzeugen eine Intimität und Poesie, der man sich nur schwer entziehen kann.

Schauspielerin und Regisseurin Maïwenn erörtert in ihrem neuesten Werk die Frage nach der Identität. Inspiriert von ihrer eigenen Geschichte entwickelt sie ein Familiendrama, das persönlich und universell zugleich ist. Dabei wird auch den kleinsten Details viel Raum zugestanden, was eine unglaublich starke Nostalgie erzeugt. Die Räumung des Zimmers nach dem Tod des Grossvaters und die vielen Kleinigkeiten, die auftauchen, gehen deshalb unter die Haut, weil der Film sich die Zeit nimmt, in diesem Moment zu verweilen. Aber auch die Gefühle der Figuren werden aus nächster Nähe eingefangen, was aufgrund der dadurch erzeugten Intimität mitunter sehr beklemmend wirkt.

Während die Kamera verweilt, treiben die Dialoge die Geschichte voran. In hitzigen Wortgefechten, bissigen Kommentaren und unverhohlenen Vorwürfen einerseits und spielerischen Neckereien und Witzen andererseits, werden die Beziehungen der Figuren zueinander etabliert. Dass dieses schwierige Unterfangen so gut funktioniert, ist der darstellerischen Leistung aller Beteiligten zu verdanken. Besonders die Dialoge zwischen Neige und ihren Eltern sind in dieser Hinsicht bemerkenswert, da so viele Vorwürfe und Anschuldigungen ohne grosse Gefühlsausbrüche ausgesprochen und angehört werden. Was aber immer wieder durchscheint, ist der Schmerz, den alle in sich tragen, ganz besonders der von Neige.

Auch wenn ADN den Tod als Ausgangspunkt wählt, handelt er in erster Linie vom Leben und dem Gefühl der Zugehörigkeit. Die Melancholie, die den ganzen Film hindurch mitschwingt, wird immer wieder durch witzige Episoden durchbrochen. Das nimmt der Geschichte die Schwere und erzeugt gleichzeitig ein Wechselbad der Gefühle, ohne jemals zu kitschig oder sentimental zu werden.

Sule Durmazkeser [sul]

Sule schreibt seit 2019 als Freelancerin für OutNow. Sie ist Hitchcock-Fan, liebt das Hollywoodkino der Sechziger- und Siebzigerjahre und hat eine Schwäche für paranormale Horrorfilme und düstere Thriller. Mit dem derben Humor vieler US-Komödien kann sie wenig anfangen.

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