80.000 Schnitzel (2020)

Filmkritik: Flachgeklopft

16. Zurich Film Festival 2020
Schni-Schna-Schnitzel ...
Schni-Schna-Schnitzel ... © Zurich Film Festival

Berta ist in ihren Achtzigern. Über fünfzig Jahre lang hat sie im Gasthof Zollhaus für ihre Gäste gekocht; ihre Schnitzel waren legendär. Doch nachdem sowohl ihr Mann als auch ihr Sohn Peter, der den Hof hätte übernehmen sollen, sterben, findet sie sich in einer prekären Situation wieder. Das Restaurant ist seit Jahren geschlossen, die sechzehn Zimmer der Pension sind nur sehr sporadisch belegt. Ausserdem hat sie mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.

Um das Zollhaus vor der Zwangsversteigerung zu retten, springt die Enkelin Monika ein. Sie ist Anfang dreissig, hat eine gute Ausbildung hinter und ihre ganze Karriere noch vor sich. Diese opfert sie, um der Oma dabei zu helfen, aus den Schulden zu kommen. Die beiden geben sich dafür ein Jahr Zeit. Dabei werden sie von Monikas Schwester und Filmemacherin Hannah begleitet, die den wellenförmigen Verlauf dieser Geschichte dokumentiert. Denn das Schicksal legt ihnen immer wieder Steine in den Weg.

Wer bei 80.000 Schnitzel einen Liebesbrief an ein flachgeklopftes, paniertes Stück Fleisch erwartet, wird enttäuscht. Denn bei diesem (zweifelsohne tollen) Titel handelt es sich ein wenig um Etikettenschwindel. 80.000 Schnitzel ist keine Feel-Good-Doku über leckeres Essen. Viel mehr ist es ein zutiefst menschliches, persönliches, melancholisches und bewegendes Drama über Verlust, Loslassen und Träume - und wie schnell diese zerbrechen.

Berta steht in ihrer Küche, klopft auf ein Stück Fleisch, bestreut es mit Mehl, legt es in Ei und Paniermehl. Dann landet es in einer komplett verbrauchten, uralten Gusseisenpfanne. Ein Ablauf, den Berta in- und auswendig kennt. Mittlerweile geht sie am Stock und das Treppensteigen fällt ihr auch nicht mehr leicht. Bis um vier Uhr morgens hat sie früher gekocht, gewirtet und in der Badewanne abgewaschen. Trotzdem sehnt sie sich nach dieser Zeit. Die etwas schrullige Oma ist eine von zwei Schultern, die nicht nur diesen Familienhof tragen, sondern auch diesen Film.

Die andere Schulter ist Monika. Sie hat ihre Träume vom weltweiten Referieren und dem Leben am Strand über Bord geworfen. Ihr gehört der Hof nun. Die Oma meinte dazu nur: «Jetzt hast du die Last.» Denn eine solche ist es. Mit alten Aufnahmen von Camping-Abenteuern und dem Off-Kommentar der Regisseurin Hannah Schweier wird die Geschichte der Familie rekapituliert. Dies gibt dem Film einen unheimlich persönlichen Touch. Und schnell merkt man: Es geht nicht um Schnitzel. Es geht um eine Familie, die zu zerbrechen droht.

Der Film ist nach Jahreszeiten strukturiert, was beim Einordnen der Ereignisse sehr hilft. Zwar ist er ein bisschen zu lang geraten, denn einige Einstellungen stehen zu lange und gewisse Aussagen beginnen sich zu wiederholen. Ausserdem ist es schade, dass die Ausgangslage der Geschichte, den Hof zu retten, etwas zu sehr in den Hintergrund gerät. Dramaturgisch ist 80.000 Schnitzel aber hochinteressant, denn immer wieder werden den Frauen Steine in den Weg gelegt. Und einer dieser Steine ist so gross, dass er das ganze Projekt zu erschlagen droht. Ein Schicksalsschlag, der in einem Spielfilm als gesucht und unglaubwürdig gelten würde, in einer Doku aber wie ein Schlag in die Magengrube ist.

Diese Reise ist nur nicht nur emotional mitreissend, sondern auch bildlich stark festgehalten. Mit schönen Symmetrien und interessanten Nahaufnahmen wird der Film visuell nicht langweilig. Da hilft auch die Oma mit, die immer wieder mit trockenen Sprüchen für den einen oder anderen Lacher sorgt. Ausserdem ist der Film sehr transparent in seiner Machart, sodass es quasi Outtakes in den fertigen Film schaffen, die die Stimmung etwas lockern. Dank diesen Eigenschaften ist 80.000 Schnitzel ein unerwartet bewegendes, berührendes und persönliches Drama geworden, das uns fast ein bisschen flachgeklopft hat.

Nicolas Nater [nna]

Nicolas schreibt seit 2013 für OutNow. Er moderiert seit 2017 zusammen mit Marco Albini den OutCast. Ausser für Geisterbahn-Horrorfilme, überlange Dramen und Souls-Games ist er filmisch wie spielerisch für ziemlich alles zu haben. Ihm wird aber regelmässig vorgeworfen, er hätte nichts gesehen.

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