Zwingli (2019)

Zwingli (2019)

  1. 126 Minuten

Filmkritik: Huldrych Zwingli Superstar

«I schänke dr mis Härz»
«I schänke dr mis Härz» © Ascot Elite

Schrecklich sind die Bilder, herzzerreissend die Schreie, die Qualen überschreiten die Grenzen des Vorstellbaren. Anna Reinhart (Sarah Sophia Meyer) krümmt sich vor einem Altar im Zürcher Grossmünster und fleht um Erlösung für die gepeinigte Seele ihres verstorbenen Mannes. Erst vor Kurzem hat die Schankwirtin einen stolzen Batzen ausgegeben, um ihrem toten Gatten eine Messe lesen zu lassen. Sie ist mit ihrem Gebet noch nicht zu Ende, da taucht eine Gestalt in einer schwarzen Soutane neben ihr auf. «Es wär mal wieder Zyt», sagt der Geistliche und macht die hohle Hand.

«Tapfer, kännsch?!»
«Tapfer, kännsch?!» © Ascot Elite

Seit Jahrzehnten geht da die unverfrorene Ausbeutung der Menschen durch die Katholiken schon vonstatten. Dass ausgerechnet das Jahr 1519 dieses System in seinem Fundament erschüttern wird, damit rechnet Anna nicht. Umso überraschter ist sie, als sie den neuen Leutpriester Huldrych Zwingli (Max Simonischek) zum ersten Mal predigen hört. Sie fühlt sich aufgehoben, ist berauscht von seiner menschenfreundlichen Auslegung der Bibel. Dessen neue, radikale Ansichten gefallen aber nicht allen, tumultuöse Szenen spielen sich ab, Familien drohen sich zu entzweien. Dann bricht in Zürich die Pest aus.

Es gibt sie doch noch die Denkmäler, die sich die Schweiz selbst errichtet. Die vorliegende helvetische Heiligsprechung eines der wichtigsten Denker des Landes, Huldrych Zwinglis, ist aber nicht etwa unprätentiöse Geschichtsdoku, sondern hollywoodeskes Heldenepos. Historisch vorsichtig, rasant und emotional intensiv, jedoch geistig an der Oberfläche bleibend, wird das Wirken des Theologen in der Limmatstadt verfolgt. Der Film verkauft sein Sujet als das, was sein Vorbild zu Lebzeiten war: ein Priester für die Leute, sehenswert, aufregend und schlau - aber auch mit problematischen Aspekten.

Zwar nicht ungerechtfertigt, dennoch äusserst plakativ nimmt Zwingli von Beginn weg die Unterteilung der Welt in Gut (arbeitende, fürsorgliche Reformatoren) und Böse (fressende, ausbeutende Katholiken) vor. Darüber steht der (Zürichdeutsch sprechende) Toggenburger Huldrych Zwingli. Alles gelingt ihm mit Leichtigkeit, er ist der Superheld der Zeit, das Wort und der Glaube seine Superkräfte. Die verstaubten Geschichtsbücher werden hier regelrecht zu bunten Comics aufgepeppt, überbordend scheint die Lust am Gestalten der mittelalterlichen Stimmung Zürichs. Die Personen scheinen wie frisch aus ihren Gemälden gepellt.

Ein ordentliches (u. a. Taubmann), bis gutes (Meyer (!) und Simonischek) Schauspielerensemble haucht ihnen Leben ein. Man kommt Zwingli und Anna emotional ganz nahe, geistig bleibt man ihnen aber fremd. Dies ist der Kompromiss, den der Film eingeht. Er mischt Zwingli unters Volk und zeichnet seine Biographie als Readers-Digest-Version nach. Schlüsselbegriffe und -stationen des grossen Vordenkers werden en passant abgeklappert. Der historischen Tragweite gewisser Gegebenheiten konnte man so von Anfang an nicht gerecht werden.

Damit aber geht der Film offen um. Er lässt auch bei historischen Deutungen Vorsicht walten und wagt sich nicht auf die Äste hinaus, sondern bleibt stets konform. Über seine Quellenlage informiert er mit einem eleganten Kniff: Alles historisch Verbürgte wird in des Priesters Wortlaut wiedergegeben. Im Umkehrschluss wird die Hauptsprache des Films gerechtfertigt: ein von Neologismen freigekämmtes Schweizerdeutsch, das gewöhnungsbedürftig anachronistisch daherkommt und mitunter einen fast parodistischen Anstrich erhält; gerade wenn zwei Zürischnurren über die Vulgata und Erasmus debattieren oder der Täufer Felix Manz seinen Freund Zwingli anblafft: «Du leisch die heilig Schrift us wies dir grad passt!»

Dieser Vorwurf ist nebenbei ein gewaltiger und von hoher Aktualität, denn das Christentum ist wieder hip. Massengottesdienste, die die Marx'sche Opium-fürs-Volk-Losung ins Gedächtnis rufen, schiessen wie Pilze aus dem Boden und es droht die Gefahr, dass Zwingli durch diesen Film zu ihrem Popstar wird, zum obersten geile Siech (was um 1519 freilich noch was anderes bedeutet hätte). Somit würde auch Religion als moderne Sicht und legitime ethische Grundlage allen Handelns verkauft.

Gegen den Eindruck, dass Zwingli selbst re-reformieren will, kann man sich gerade nach Annas Schlusskatharsis («Gott vergibt uns alle Fehler») nicht mehr wehren und der Historienfilm spielt den boomenden Freikirchen zusätzlich in die Karten. Doch wie sich Abwandlungen einer humanistischen Religionsauffassung gestalten und welche verheerenden Konsequenzen sie mit sich bringen können, manifestiert sich gerade an Zwingli selbst. Dies zeigt der Film zwar eindrücklich, aber man wird das Gefühl nicht los, dass auch hier mitunter die Radikalisierung dieses charismatischen Menschenfreunds als gerechtfertigter Kollateralschaden im Zuge der Durchsetzung von Gottes Wort verkauft wird.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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