Zero Impunity (2019)

Zero Impunity (2019)

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Filmkritik: Nicht wegsehen!

17. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2019

Sexueller Missbrauch in Kriegsgebieten hat verheerende physische, psychische und soziale Konsequenzen für die Betroffenen und ihr Umfeld. Die Täter und Täterinnen kommen hingegen erschreckend oft ungestraft davon. Das Transmedia-Projekt "Zero Impunity" (dt. "keine Straflosigkeit") macht es sich zum Ziel, auf diesen Missstand hinzuweisen und das Thema an die Öffentlichkeit zu holen. Der Dokumentarfilm wirft dafür Schlaglichter auf die Bürgerkriege in Syrien und in der Ukraine, auf die Folterpraktiken der USA nach 9/11, auf französische Blauhelm-Einsätze in der Zentralafrikanischen Republik sowie auf den Umgang mit sexuellen Übergriffen vonseiten der UNO.

Neben der Präsentation von Recherche-Ergebnissen von Journalistinnen sowie Interviews mit Überlebenden und Experten geht das Projekt auch auf die Strasse und versucht in verschiedenen Ländern einen Dialog in der Zivilbevölkerung zu starten.

Ein Tabuthema wird in Zero Impunity mit Feingefühl und viel Mut seitens der Filmemacher wie auch der Beteiligten in Angriff genommen. In einer Mischung aus dokumentarischer Reportage und animierten Zeugen- und Expertenaussagen gewährt der Film Einblicke in perfide Kriegs- und Machtmechanismen und versucht über Streetperformance-Aktionen einen Dialog mit der Zivilbevölkerung einzufädeln. Ohne reisserisch zu werden oder auf die Tränendrüse zu drücken, bricht die Dokumentation so das Schweigen um ein Thema, das weltweit erschreckend relevant ist.

An der Schweizer Premiere am Fantoche Filmfestival 2019 bedankte sich das Regie-Gespann bestehend aus Denis Lambert und dem Brüderpaar Nicolas Blies und Stéphanes Huebger-Biles gleich mehrfach: einerseits beim trotz des schweren Themas grossen Publikum, andererseits beim Festival für die Aufnahme ins Programm. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, haben doch zahlreiche andere Festivals den Film zuvor aus politischen Gründen kategorisch abgelehnt. Auch mit Morddrohungen waren die Filmemacher schon mehrfach konfrontiert. Dies alles wegen eines Films, der ein (zu) lange totgeschwiegenes Thema endlich klar zur Sprache bringt.

Zero Impunity nimmt das Thema Vergewaltigung als Kriegswaffe in den Fokus, tut dies aber auf mitfühlende und niemals reisserische Art und Weise. Ursprünglich sollte der Film komplett animiert werden. Weil die Macher nach der Online-Veröffentlichung der betreffenden Passagen aber derart viele negative und ungläubige Reaktionen erhielten, entschloss man sich für einen mehrfachen, transmedialen Zugang. So werden die harten Fakten nun auf drei unterschiedlichen Ebenen vermittelt.

Erstens wurden die Recherche-Ergebnisse investigativer Journalistinnen - alle im Film gezeigten Interviews wurden bewusst nur von Frauen geführt - auf belebten Strassen rund um die Welt an Häuserwände projiziert. Von Anfang an wird so klar, dass diese unbequemen Tatsachen über die Häufigkeit von sexueller Gewalt in Kriegsgebieten mitten in die Gesellschaft getragen werden sollen, dahin, wo das Weghören und -sehen immer schwerer wird.

Zweitens werden die Zeugenaussagen von Opfer sexueller Gewalt sowie von Ärzten, NGO-Mitarbeitern und UNO-Experten in einem einfach animierten Zeichenstil präsentiert. Dies zum einen, weil für viele der Ereignisse kein Filmmaterial vorhanden ist, zum anderen um die Identität der Missbrauchsopfer zu schützen, indem ihnen ein erneutes traumatisierendes Erlebnis beim Erzählen ihrer Erfahrungen erspart wird. Jene schrecklichen Ereignisse werden dabei natürlich nicht gezeigt, sondern finden nur angedeutet und im Monolog der Betroffenen Erwähnung.

Schliesslich kommt zu den Reportage-Elementen noch die Ebene der Interaktion mit dem Strassenpublikum hinzu, indem Passanten darum gebeten wurden, sich selbst auf Strassenwände projizieren zu lassen. Die dabei gefilmten Gesten - Hände, die Gesichter bzw. Münder verdecken und dann freigeben - drücken symbolisch die Haltung des gesamten Filmes aus, dass nämlich Wegsehen und Schweigen nicht länger toleriert werden darf respektive sich Überlebende nicht mehr ungesehen oder ohne Stimme fühlen sollen.

Zero Impunity zeigt Einzelschicksale, zeichnet aber auch ein deutliches Bild davon, wie weltweit ganz bewusst Machtstrukturen aufgebaut wurden, in denen Männer, Frauen und Kinder Erniedrigung, Vergewaltigung und Ausbeutung ausgesetzt sind und die Täter ohne Strafe davonkommen. Die Dokumentation macht die unglaublichen Fakten auf eindrückliche Weise zugänglich, stellt sie in einen grösseren Kontext und fordert die konsequente Strafverfolgung ein. Es ist nur zu wünschen, dass nach #metoo auch #zeroimpunity zum stehenden Begriff wird.

/ pps