You Will Die at 20 (2019)

You Will Die at 20 (2019)

  1. , ,
  2. 103 Minuten

Filmkritik: Den Tod vor Augen

1. OutNow Film Festival 2020
Sakina zählt jeden Tag, den ihr Sohn überlebt hat.
Sakina zählt jeden Tag, den ihr Sohn überlebt hat. © trigon-film

Bei einem religiösen Ritual, das ein Neugeborenes auf der Welt begrüssen und ihm Segen bringen soll, kommt es zu einem unerwarteten Vorfall. Der Zeremonienmeister zählt bis 20 - und fällt in Ohnmacht. Alle wissen, was das bedeutet: Das Kind wird (spätestens) mit 20 Jahren sterben. Seitdem vergeht kein Tag an dem Muzamil (Mustafa Shehata) von seiner Mutter Sakina (Islam Mubarak) nicht an das Unvermeidliche erinnert wird.

Muzamil sehnt sich nach menschlicher Nähe.
Muzamil sehnt sich nach menschlicher Nähe. © trigon-film

Seit sie das Schicksal ihres Sohnes kennt, verfällt Sakina in eine tiefe Trauer. In ihrem Wahn gefangen, sperrt sie Muzamil im Haus ein. Er darf nicht zur Schule, nicht schwimmen gehen und nicht mit anderen Kindern spielen. Da sie nicht weiss, wie er sterben wird, fürchtet sie jede Gefahr, die ihr den Sohn vielleicht noch vor der kurzen Zeit nehmen könnte. Auf diese Weise wächst Muzamil wie ein Geist auf. Er beobachtet und hört, was hinter den Grundstücksmauern passiert, darf aber nicht daran teilhaben. Nur zögerlich kann er sich ein paar wenige Freiheiten herausnehmen. Für den örtlichen Gemischtwarenhändler liefert er so verbotenen Alkohol an einen verbitterten, älteren Mann, der wie Muzamil ein Aussenseiter ist.

Der stimmungsvolle Film des sudanesischen Regisseurs Amjad Abu Alala ist vieles zugleich: Zum einen empathische Geschichte eines Jungen, der in einem feindseligen Umfeld versucht erwachsen zu werden. Zum anderen setzt sich das Drama mit Themen wie Glaube/Aberglaube, sozialer Ausgrenzung und Opferbereitschaft auseinander und schafft es, daraus einen spannungsreichen Thriller zu machen. Nicht zuletzt ist You Will Die at 20 wegen dem exotischen Schauplatz mehr als sehenswert. Es handelt sich um den ersten aus dem Sudan stammenden Film seit 40 Jahren, der für uns zugänglich ist.

Eindrücklich spürt der Film seinen beiden Hauptfiguren nach. Mutter und Sohn wirken wie zwei Seiten der gleichen Medaille. Die Mutter ist ein verbitterter Charakter. Ihr einziges Kind soll jung sterben, so die Prophezeiung. Statt ihm deswegen alle Freiheiten zu lassen, damit es das kurze Leben geniessen kann, überträgt sie auf jenes ihre Trauer; eine Trauer, die mehr als nur irrational wirkt, solange Muzamil noch am Leben ist. Während Muzamils Vater unter dem Vorwand ausserhalb des Dorfes Geld zu verdienen, die Situation flieht, fügt sich Muzamil. Er schaut zu, wie seine Mutter jeden Tag, den er überlebt hat, an der Wand anstreicht. Sein Schicksal trägt er wie ein Stigma. Die Figur des Jungen steht für einen unerfüllten Lebensdurst und gleichzeitig auch für eine ausserordentliche Opferbereitschaft, die schliesslich seine Rebellion verhindert.

Das Haus, das die beiden teilen, ist in dunkles Licht getaucht, es wirkt eng und ungemütlich. Es scheint das Innenleben der Mutter zu widerspiegeln. Im Gegensatz dazu scheint draussen die Sonne gleissend. Das Land ergiesst sich in die Ferne, an der Küste erstreckt sich das Meer weit hinaus und lockt mit einem verführerischen Versprechen. Doch das Meer ist auch Unheilbringer, denn darin verschwinden die Menschen nach ihrem Tod. Fremde Bräuche, Rituale und Glaubensrichtungen üben immer eine gewisse Faszination auf «Unwissende» aus. Der Regisseur ermöglicht uns eine sensible Annäherung an dieses bisher im Filmgeschäft wenig in Erscheinung getretenes Land. Er hütet sich dabei aber davor, etwa zu moralisieren.

Auf der einen Ebene unterhält You Will Die at 20 mit seiner aussergewöhnlichen Handlung, einer präzisen Charakterzeichnung und einer einheitlichen, künstlerisch wertvollen Bildsprache. Im Film geht es nicht nur um die Mutter-Sohn-Beziehung, sondern auch um eine zarte Liebesgeschichte, die zum Scheitern verurteilt ist sowie um eine kurzzeitige Freundschaft zwischen zwei Seelenverwandten. Die Dichte der Argumentation macht die Stärke des Films aus.

Der Film präsentiert sich aber auch als metaphysische Parabel. Was passiert, wenn ein Mensch, seinen Todestag kennt? Mit dem Thema haben sich viele Autoren in der Literatur und im Film beschäftigt, darunter Elias Canetti in seinem Stück «Die Befristeten» (1964) oder A. F. Th. Van der Heijden in seinem Roman «Ein Tag, ein Leben» (1988). Letzterer wurde 2009 vom Niederländer Mark de Cloe verfilmt (Het leven uit een dag) und 2015 erschien Jaco van Dormaels Satire Le tout nouveau testament. Die meisten Autoren kommen zum Schluss, dass es zwar notwendig ist für den Menschen, den Tod als Tatsache anzuerkennen, aber ein unbeschwertes Leben mit dieser Kenntnis schwierig bis unmöglich erscheint. Mit You Will Die at 20 reiht sich Amjad Abu Alala in diese Diskussion ein. Er hat einen eindrücklichen Debütfilm geschaffen, in den viel Verständnis und Zuneigung für sein Land eingeflossen ist.

/ ter