Wir Eltern (2019)

Wir Eltern (2019)

  1. 96 Minuten

Filmkritik: Ihr Kinderlein gamet

2. OutNow Film Festival 2021
Bad Boy
Bad Boy © p.s. 72 productions

Kleine Kinder, kleine Sorgen; grosse Kinder, grosse Sorgen: Dieser Binsenwahrheit würde wohl auch das besser situierte Züri-Ehepaar Veronika (Elisabeth Niederer) und Michael (Eric Bergkraut) vehement zustimmen. Ihre beiden 20-jährigen Zwillingsöhne Romeo (Ruben Bergkraut) und Anton (Elia Bergkraut) haben's nämlich faustdick hinter den Ohren. Die Schularbeit lassen sie sich von Mama schreiben, während sie sich die Zeit mit Gamen um die Ohren schlagen. Dass sie von ihrem Grossvater zum Geburtstag je 80'000 Franken geschenkt kriegen, macht die Sache nicht besser. Statt das Geld sinnstiftend anzulegen, kaufen sie sich einen neuen Fernseher und stellen eine Putzfrau an, um ihr Zimmer aufzuräumen.

Glück = Gamen und Glace
Glück = Gamen und Glace © p.s. 72 productions

Veronika und Michael versuchen die beiden verzogenen Babys im Erwachsenenkörper mit Zuckerbrot und Peitsche zur Räson zu bringen. Doch ihre Sprösslinge wissen ganz genau, wie sie jene gegeneinander ausspielen können und am Schluss kriegen, was sie wollen. Der Streit in der Familie droht zu eskalieren - und zwischen den Fronten findet sich Benji (Orell Bergkraut), der jüngste Spross der Familie, der sich immer mehr zwischen seinen Brüdern und seinen Eltern entscheiden muss.

Es ist ein etwas gewöhnungsbedürftiger Mix zwischen Satire und Doku, den uns das Regie-Ehepaar Eric Bergkraut und Ruth Schweikert hier zusammen mit seinen eigenen Kindern auftischt. Der Titel ist Programm: Der Film zeigt Eltern, die alles richtig machen wollten und realisieren müssen, dass sie ziemlich viel falsch gemacht haben. Das ist zeitweilig amüsant, zeitweilig etwas banal, jedoch immer kurzweilig. Wer noch keine Kinder hat und gerne hätte, dürfte sich dies nach Wir Eltern nochmals ganz genau überlegen.

Bei Wir Eltern handelt es sich sozusagen um ein Familienprojekt: Der Regisseur Eric Bergkraut und seine Partnerin, Schriftstellerin Ruth Schweikert, führen Regie, er spielt auch gleich die Hauptrolle; in weiteren Rollen die drei gemeinsamen Söhne. Nur für die Rolle der Mutter wurde mit Elisabeth Niederer eine Schauspielerin gecastet. Und Beat Schlatter taucht in einer Nebenrolle als spiessiger Vermieter auch noch auf.

Die Familien-Konstellation legt natürlich die Frage nahe, wie viel von dem Gezeigten denn «echt» sei. Alles erfunden, beruhigt uns der Abspann, in dem die Protagonisten gleich selbst über ihre Erfahrungen während des Drehs berichten. Bereits zuvor wird die vierte Wand immer wieder durchbrochen, indem drei Experten - darunter der kürzlich verstorbene Kinderarzt Remo Largo - das Geschehen kommentieren. Dies verleiht dem Film einen semi-dokumentarischen Charakter, auch wenn die Handlung vollkommen fiktiv ist.

Zum Glück ist sie fiktiv, mag man sich denken. Die beiden 20-jährigen Jungs sind nämlich tatsächlich ziemliche Rotzlöffel - so dreist, dass sie ihren Eltern sogar einen Anwalt auf den Hals hetzen, als sie diese aus der Wohnung rausschmeissen wollen. Wir Eltern wirft einen leicht satirisch überspitzten Blick auf die «Generation Z», gleichzeitig aber auch auf ihre Eltern-Generation, die - so die vermutete These - ihre Kinder zu sehr verwöhnt und somit zu kleinen Egomonstern herangezogen hat.

Das mag nun alles ein bisschen plakativ sein. Sprüche wie «Könnt ihr bitte ruhig sein, ich bin am Gamen!» sind zwar lustig, aber auch ein wenig blödsinnig. Auch zeigen sich gerade bei den Jungdarstellern ihre schauspielerischen Grenzen. Etwas stärker sind da Bergkraut und Niederer als hilflos überforderte Eltern, die sich von der Jungmannschaft auf der Nase herumtanzen lassen. Wie sich die beiden in Pärli-Weekends trotz der ganzen Misere wieder anzunähern versuchen, hat schon beinahe etwas Rührendes - zumindest bis sie der Nachwuchs dann wieder auf den harten Boden der Eltern-Realität zurückholt. Nein, Werbung fürs Elternsein macht dieser Film definitiv nicht.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Schweizerdeutsch, 02:12