Waves (2019/I)

Waves (2019/I)

  1. ,
  2. 135 Minuten

Filmkritik: Fighting with my Family

44th Toronto International Film Festival
"Was soll das heissen, du hast die letzten Pommes genommen?!"
"Was soll das heissen, du hast die letzten Pommes genommen?!" © A24

Dem 18-jährigen Tyler (Kelvin Harrison Jr.) scheint die Welt zu Füssen zu liegen. Er ist an der Schule beliebt, ist Teil eines erfolgreichen Wrestlingteams und versteht sich bestens mit seiner Freundin Alexis (Alexa Demie). Nur Zuhause läuft es nicht optimal, wo sich zwar seine Stiefmutter Catherine (Renée Elise Goldsberry) liebevoll um ihn kümmert, sein Vater Ronald (Sterling K. Brown) aber mit eiserner Strenge den Tarif durchgibt und seinen Sohnemann immer wieder zu Höchstleistungen nötigt. Diese sind nach einer schweren Schulterverletzung Tylers jedoch nicht mehr möglich.

Die darauffolgenden Ereignisse um die Familie hinterlassen bei Tylers jüngeren Schwester Emily (Taylor Russell) Spuren. Auf Social-Media wird sie gemobbt, weshalb sie ihr Mittagessen lieber alleine, weit weg von ihren Klassenkameraden, einnimmt. Als sie einmal einsam auf einer Bank sitzt, wird sie vom jungen Luke (Lucas Hedges) angesprochen, der sich für sie interessiert. Damit treffen zwei Seelenverwandte aufeinander, denn auch in dessen Familie herrscht nicht das Motto "Friede, Freude, Eierkuchen".

Die Familiengeschichte Waves lässt die Gefühle der Zuschauer während 135 Minuten Achterbahn fahren. Trey Edward Shults' dritte Arbeit ist aufwühlend, traurig und richtig, richtig berührend. Zwar werden ein paar Klischees bedient, doch dank der virtuosen Inszenierung - unter anderem verändert sich je nach Gefühlslage der Protagonisten das Seitenverhältnis des Bildes - ist das kaum bemerkbar. Vom Budget her ein eher kleiner, aber von den ausgelösten Gefühlen her ein umso grösserer und unvergesslicher Film.

Die «Waves» (dt. «Wellen»), die Trey Edward Shults in seinem drittem Film (nach Krisha und It Comes at Night) bereits im Titel beschwört, sind symbolischer Natur. Sie stehen für Emotionen, die unaufhörlich kommen und gehen, weiterziehen und eine unbändige Wucht entwickeln können. Das Drama setzt dieses Bild in eine herzzerreissende, stilsichere und äusserst beklemmende Geschichte um, deren Wirkung sich nicht so einfach abschütteln lässt. Dabei zeigt Shults in seinem Film nicht mal wirklich viel Neues. Es kann sogar kritisiert werden, dass er hier und da ein paar Mal tief in die Klischee-Kiste greift. Doch sein Werk entfaltet eine solch starke audiovisuelle Kraft, die einen übermannt und für seine Mängel mehr als nur entschädigt.

Zudem spielt Shults (wie zum Beispiel Xavier Dolan) mit dem Medium 'Film'. Das Drama wird gleich mit mehreren Bildseitenverhältnissen erzählt. Diese Spielerei ist durchaus durchdacht. Begonnen wird mit einem Format, welches die Leinwand komplett ausfüllt. Diese Darstellung entspricht der Situation der Protagonisten. Ihre Augen sind offen, die Zukunft liegt vor ihnen und alles scheint möglich zu sein. Die Kamera kreist in diesem Moment auch scheinbar schwerelos um die Protagonisten. (Terrence Malick wäre stolz!) Doch dann verrennen sich die Figuren und geraten in emotionale Sackgassen, aus denen sie kaum mehr herausfinden. Der Bildausschnitt verengt sich zunehmend; Shults macht so die emotionale Klaustrophobie auch für den Zuschauer spürbar. Ein einfacher, aber effektiver Trick, der leider auf die Kosten der hübschen Bilder gehen muss, die zwischendurch an jene aus Barry Jenkins' Oscar-Gewinner Moonlight erinnern.

Gepaart wird die Geschichte mit einem grossartigen Score der beiden Oscarpreisträger Trent Reznor und Atticus Ross (The Social Network) sowie einer breiten Palette mit Songs von Radiohead über Amy Winehouse bis Frank Ocean. Dadurch entsteht ein unglaublich dichtes Filmerlebnis um Themen wie Schuld, Vergebung, Familie und Liebe. Ein Gefühlscocktail, der die Tränen ins Gesicht treibt und noch lange nach dem Abspann haften bleibt. Umso weniger man vor dem Schauen über die Geschichte weiss, desto besser. Verraten sei jedoch, dass der Film in der Hälfte die Perspektive wechselt und nahezu von Neuem beginnt. Da hat der Streifen etwas Mühe nach einem fast schon opernhaften Abschluss der ersten Stunde wieder in die Gänge zu kommen. Doch das ist Meckern auf ganz hohem Niveau. Waves ist aufwühlendes, packendes und fast perfektes Drama-Kino.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 2

solanumnigrum

WICHTIG: Zuerst möchte ich auf mögliche Spoiler aufmerksam machen, welche im unten folgenden Text erscheinen könnten.

Der Film war über die ganze Strecke gesehen wirklich wunderbar. Die Emotionen, welche vermittelt werden, widerspiegeln auch ein wenig die heutige Gesellschaft und zeigt die mögliche, versteckte Belastung, welche vor allem in jugendlichen und jungen Erwachsenen zu schlummern scheint.

Zuerst das "Negative":
Es werden grundsätzlich zwei Geschichten erzählt. Diejenige des Jungen und jene seiner jüngeren Schwester.
Eigentlich nicht schlecht, weil beide Geschichten eine Art von Kreislauf bilden. "Schlecht" ist nur, dass die Geschichte des Jungen abrupt endet. Und nahtlos daran als wär's das "normalste" auf der Welt, geht die Geschichte der Schwester weiter. Ich selbst hätte mir mehr "Action" bezüglich des Jungen gewünscht. Wie kommt er im Gefängnis zurecht, wie sieht es mit seiner Psyche aus. Dreht er durch? Das Ganze bleibt bis zum Schluss offen. Dann wäre da noch das mit Lukes Vater. Der ist einfach plötzlich im Gespräch, einfach da. Aus dem nichts. Und obwohl Luke ihn in die Hölle wünscht und nie wieder sehen will, herrscht gegen Ende doch noch Familienstimmung. Für mich eher unverständlich.

Darum ist er sehenswert:
Taylor Russell - Die noch junge Schauspielerin, welche Emily verkörpert. Sie trägt den Film nach der Hälfte so zusagen alleine. Die jungen Schauspieler machen ihre Sache sowieso toll. Die dramatische Geschichte, welche auch durchaus der Wahrheit entsprechen könnte, rundet das ganze ab. Es ist eine Art von Hilfeschrei vieler Jugendlichen. Man wird als Jugendlicher oft nicht ernst genommen. Im Film geht es auf und ab. Als Zuschauer leidet man förmlich mit.

Toller Film, tolle Umsetzung.

crs

Filmkritik: Fighting with my Family

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