Waren einmal Revoluzzer (2019)

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  2. 102 Minuten

Filmkritik: Von Lebens- und Überlebenskünstlern

Zurich Film Festival 2019
«Und du bist dir ganz sicher, dass die Höhlenbewohner auch Stirnbänder trugen?»
«Und du bist dir ganz sicher, dass die Höhlenbewohner auch Stirnbänder trugen?»

Die Überraschungsparty kommt Helene (Julia Jentsch) wie gerufen. Noch eben begutachtete die Richterin in einem Garten 15 verendete Kröten, jetzt scharen sich etwa gleich viele quicklebendige Freunde um sie. Als sie beim unbefangenen Plaudern erfährt, dass ihr Bekannter Volker (Marcel Mohab) demnächst nach Moskau fliegt, bittet sie ihn um den Gefallen, ihrem Ex-Freund Pavel (Tambet Tuisk) 1000 Euro zuzustellen. Er brauche das Geld dringend, denn er werde politisch verfolgt. Murrend nimmt Volker das Unterfangen auf sich und gerät in Pavels Wohnung prompt in eine muntere Gesellschaft. Als «Volker aus Österreich» wird er vorgestellt. «Privyet» murmelt er unbeholfen.

Kurz darauf klingelt Helenes Skype-Telefon. Am anderen Ende ist Volker, hageldicht. «Wir holen Pavel nach Österreich!», ruft er - es sei bereits alles organisiert. Eilfertig deponiert Helene ihren ahnungslosen Partner und Berufsmusiker Jakob (Manuel Rubey) auf dem gemeinsamen Landhaus in Plank am Kamp, wo dieser sein Album fertig stellen will. Voller Vorfreude erwartet sie Pavels Ankunft, doch als er schliesslich aus dem Zug steigt, bleiben ihr die Worte im Hals stecken. Denn er ist nicht alleine gekommen.

Stilsicher, unterhaltsam und anregend führt der illustre Cast durch diese filmische Novelle. Ein besonderes Plus sind die durch feine Beobachtung zusammengestellten Figuren, die sich gegenseitig die soziale Verantwortung zuschieben. Daraus ergibt sich eine flotte Komödie mit bittersüsser Note, ganz nah - und zu ihrem Verhängnis manchmal zu nah - am Leben.

Zwischen Recht und Gerechtigkeit befindet sich ein schmaler Grat. Und wer ihn kennt, soll ihn beschreiten. Mit diesem Bewusstsein macht sich Richterin Helene auf, etwas Gutes zu tun - oder tut sie es nur aus Eigennutz? Denn bald heisst es aus ihrem Umfeld: «Du darfst dich auch gut fühlen, ohne dass du etwas Gutes tust.» Waren einmal Revoluzzer diskutiert auf diese Weise den innerlichen und äusserlichen Zwang von Angehörigen des Mittelstands zur Anteilnahme am Schicksal fremder Personen. Diese satirische Komödie verhandelt es als Symptom unserer Zeit, zur (Mit-)Hilfe aufgerufen zu werden, ohne Zeit dafür zu haben, mit dem eigenen Leben zu Rande zu kommen. In ihrem Unwissen, wie sie die Dynamik eines entsprechenden Ereignisses positiv nutzen können, werden die Persönlichkeiten und Beziehungen, die (nicht nur in ihrem Weltbild) so gefestigt erscheinen, einer Feuerprobe unterzogen. Clara Luzias Soundtrack «Dieses Herz ist bewohnt» trifft die Stimmung haargenau.

Was den Film auszeichnet, ist einerseits der messerscharfe Blick auf die Akademiker-Schicht, mit dem die Figuren zusammengestellt wurden und andererseits das Schauspielerensemble, das sie ohne Wenn und Aber trägt. Da sind Jakob, ein Musiker mit Kreativitätsblockade, der mit Stirnband und Vintage-Jogginganzug die grosse Inspiration sucht, Helene, eine Richterin, die sich mit juristischen Lappalien abgeben muss und den grossen Gefühlen nachhängt, und Tina, die Führungen durch das Wiener Globenmuseum anbietet, weil sie nicht so richtig weiss, was sie mit ihrem Kunstgeschichte-Master anfangen soll.

Wer den Vogel vollends abschiesst, ist Volker, ein unsensibler Therapeut, der für eine Vortragsreihe über «Lacan und die Tücke des Subjekts» nach Russland reist und den (doch etwas arg zugespitzten) Prototyp des selbstfokussierten, oberflächlichen Geisteswissenschaftlers darstellt. Alle diese Charakteristika sind schlichtweg toll beobachtet und bieten dem Streifen eine optimale Ausgangslage, damit der Rest wie von alleine laufen kann. Das Setting ist gar so real, dass die Handlung für einen Film zu banal zu werden droht, sich das Geschehen fast schon zu nahe an der Realität entlanghangelt.

Weil das Leben so oft viel weniger aufregend ist als ein Film, braucht die Geschichte hie und da neuen Schub. Dies führt zu Ungereimtheiten in diesem fast schon dokumentarisch gehaltenen Spiel, die sich durch unnachvollziehbar heftige Handlungen oder übertrieben harsche Statements ihrer Protagonisten äussern. Schlussendlich nimmt man das, wenn auch etwas zähneknirschend, für das durchaus erfrischende und Gedanken anregende Spiel des Ensembles in Kauf, dem der Kommentar des resignierenden Jakobs die Krone aufsetzt: «Je länger ich die Welt ansehe, desto weniger habe ich Lust, dazu einen Kommentar abzugeben.»

/ arx