Wanda, mein Wunder (2019)

Wanda, mein Wunder (2019)

  1. 111 Minuten

Filmkritik: Wandavision

16. Zurich Film Festival 2020
Josef hat nur Augen für Wanda
Josef hat nur Augen für Wanda © Filmcoopi

Nach einem Schlaganfall ist der wohlhabende Josef Wegmeister-Gloor (André Jung) auf Hilfe angewiesen. Für die Betreuung in den eigenen vier Wänden wird die Polin Wanda (Agnieszka Grochowska) eingestellt. Die aufgestellte, unbeschwerte Art der jungen Pflegerin bringt Leben in das grosse Anwesen und sie wird zu Josefs wichtigster Bezugsperson. Allerdings ist diese Nähe nicht bei allen Familienangehörigen gern gesehen. So lässt Josefs Ehefrau Elsa (Marthe Keller), trotz aufgesetzter Freundlichkeit immer wieder durchscheinen, dass Wanda kein Familienmitglied, sondern eine Angestellte ist. Auch der Tochter Sofie (Birgit Minichmayr), die Wanda nicht über den Weg traut, ist die Beziehung der beiden ein Dorn im Auge.

Familienzusammenkunft der besonderen Art
Familienzusammenkunft der besonderen Art © Filmcoopi

Wanda ihrerseits erhält einen intimen Einblick in eine für sie fremde Welt. Scheinbar gleichmütig erduldet sie das Exzentrische und Skurille der Familienmitglieder, ebenso wie die Eigenheiten der «gehobenen Klasse», in der der Schein mehr zählt als das Sein. Wie wichtig es ist, die Fassade zu wahren, wird deutlich, als sich herausstellt, wie nahe sich Pflegerin und Patient wirklich gekommen sind.

In Wanda, mein Wunder wird subtile Gesellschaftskritik in eine bittersüsse Tragikomödie eingebettet. Mit viel Fingerspitzengefühl und pointierter Komik inszeniert, lässt der Film auf unterhaltsame Weise die Fassade einer gut situierten Familie bröckeln. Die durchweg überzeugende schauspielerische Leistung aller Darstellerinnen und Darsteller trägt ebenfalls dazu bei, dass die Leichtigkeit, mit der die Geschichte erzählt wird, den ganzen Film hindurch erhalten bleibt.

In ihrer neuesten Regiearbeit gelingt Bettina Oberli die schwierige Gratwanderung zwischen Tragik und Komik. Beklemmend-traurige Situationen werden im Laufe des Films immer wieder durch völlig absurde Momente und sarkastische Dialoge durchbrochen. Schnell wird deutlich: Hinter der perfekten Fassade brodelt es und es braucht nur wenig, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.

Im diesem ganzen Trubel gibt es aber immer wieder Momente der Ruhe, aus denen Wanda ihre Kraft schöpft. Stimmungsvolle Aussenaufnahmen am oder auf dem See erlauben es dem Publikum, kurz durchzuatmen und sich Wandas Situation zu vergegenwärtigen. Denn der Film nimmt sich auch des Themas der unterbezahlten Pflegekräfte aus dem Osten an. Wie selbstverständlich wird Wandas Lohn gedrückt, ihr noch das «bisschen» Haushalt aufs Auge gedrückt. Die oberflächlich-distanzierte Freundlichkeit, mit der «der Polin» begegnet wird, verdeutlicht zudem immer wieder ihren Status im Haushalt.

Dabei trägt die starke schauspielerische Leistung des Ensembles viel dazu bei, die unterschwelligen Emotionen, die über lange Strecken von Strenge und Kontrolliertheit überdeckt werden, schon sehr früh ans Publikum heranzutragen. Gespannt wartet man dann auf die Eskalation, die in diesem Fall als Montagesequenz dargestellt und mit Nancy Sinatras Song «Bang Bang» unterlegt ist.

Wanda, mein Wunder überzeugt durch die gekonnte Umsetzung eines vielschichtigen Themas. Tragik, Komik und Gesellschaftskritik halten sich die Waage. Trotz der Absurdität einiger Szenen und auch der Stärke der Emotionsausbrüche werden die Figuren zu keinem Zeitpunkt blossgestellt. Genauso wenig werden sie zu bemitleidenswerten Opfern degradiert.

Sule Durmazkeser [sul]

Sule schreibt seit 2019 als Freelancerin für OutNow. Sie ist Hitchcock-Fan, liebt das Hollywoodkino der Sechziger- und Siebzigerjahre und hat eine Schwäche für paranormale Horrorfilme und düstere Thriller. Mit dem derben Humor vieler US-Komödien kann sie wenig anfangen.

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Trailer Deutsch, 02:00