Filmkritik: The One Just Man

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Achtung, de Chef chunnt!
Achtung, de Chef chunnt!

In einem Grenzgebiet mitten in einer Wüstenlandschaft lebt ein Magistrat (Mark Rylance) in einer kleinen Stadt, die durch seine ruhige, gelassene und gerechte Führung praktisch ohne Kriminalität auskommt. Als der rücksichtslose Oberst Joll (Johnny Depp) der Grenzstadt einen Besuch abstattet, endet der Frieden abrupt. Der mit äusserster Brutalität gegen alle vermeintlichen Feinden vorgehende Polizeibeamte möchte mehr über die ausserhalb lebenden Nomadenstämme in Erfahrung bringen, da sie dem Reich ein Dorn im Auge sind.

Gerüchten zufolge sind diese sogenannten Barbaren drauf und dran, das Reich anzugreifen. Oberst Joll plant, die Stämme zu infiltrieren und ihnen zuvorzukommen. Für den Magistrat hört sich das alles nicht richtig an. Er hat die Barbaren nie als solche wahrgenommen. Seit Jahren schweiften sie friedlich in den Grenzgebieten umher und werden nach seiner Ansicht bald weiterziehen. Immer mehr zweifelt der rechtschaffene Mann an den Methoden des Reiches, bis er sich schliesslich dagegen stellt.

Ciro Guerra überrascht in seinem ersten englischsprachigen Film Waiting for the Barbarians mit Stars wie Johnny Depp (Pirates of the Caribbean), Robert Pattinson (Good Time) oder Mark Rylance (Bridge of Spies). Sein dystopisches Drama, das in einer unbekannten Zeit spielt, ist schwunglos und etwas unorthodox inszeniert. Dies ist zwar selten richtig packend, aber dafür umso geheimnisvoller umgesetzt. Waiting for the Barbarians ist optimal besetzt, herrlich bizarr und trotz grosser Namen weit weg vom Einheitsbrei.

Der kolumbianische Filmemacher Ciro Guerra konnte mit dem Schwarzweiss-Drama Embrace of the Serpent und der Rise-and-Fall-Story Birds of Passage bereits einige Erfolge feiern. Auch in der Schweiz liefen seine Filme im Kino und wurden gut aufgenommen. Die internationalen Kritiker sind sich einig: Ciro Guerra ist ein Mann, den man im Auge behalten muss. Mit Waiting for the Barbarians präsentiert er nun seinen ersten englischsprachigen Spielfilm und bringt gleich ein Star-Trio mit, das sich sehen lassen kann.

Das auf dem gleichnamigen Roman von J. M. Coetzee basierende Drama entführt die Zuschauer in eine dystopische und bizarre Welt, die in einer unbekannten Zeit in einem sandigen Grenzgebiet eines grossen Reiches spielt. Hauptschauplatz der Geschichte ist eine festungsähnliche Stadt am Rande der Wüste, die als Abwehr gegen die vermeintlichen Barbaren von aussen dient. Optisch gibt Waiting for the Barbarians einiges her. Guerras spartanische Handschrift, die schon in seinen Vorgängern beeindruckend war, und sein kühler Blick für das Bizarre lösen etwas Geheimnisvolles aus, dem man gerne weiter die Aufmerksamkeit schenkt.

Visuell prächtig, ist der Film dramaturgisch nicht über jeden Zweifel erhaben. Während die eher uninteressanteren Passagen über eine junge Nomadin in die Länge gezogen wurden, fällt das Ende viel zu kurz aus. Dieser Subplot ist zwar für die vollständige Entwicklung des Hauptcharakters notwendig, hätte aber auch ohne dessen minutenlang vor der Kamera festgehaltenen Fussfetischismus und allgemein etwas zügiger funktioniert.

Mit Oscargewinner Mark Rylance in der Hauptrolle hat Guerra alles richtig gemacht. Der Brite verleiht seiner Figur viel Empathie. Trotz eingeschränkter Handlungs- und Redefreiheit in seiner Position vermittelt er dem Magistraten genügend Tiefe, um aufzuzeigen, was er eigentlich von den barbarischen Machenschaften seines Reiches hält.

Die Bösewichte dieser Dystopie werden von Johnny Depp und Robert Pattinson gespielt. Mit strenger Miene und stylischer Sonnenbrille kommt Depp ungewöhnlich beherrscht und doch fürchterlich bedrohlich daher. Pattinson wirkt da noch eine Spur theatralischer. Er ist lauter, gemeiner, aber als Abbild des Bösen nicht ganz so diabolisch wie sein Schauspielkollege. In der bizarren, geheimnisvollen und unheimlichen Welt von Waiting for the Barbarians sind sie die wahren Barbaren und weisen wie das gesamte Werk viele Parallelen zur Realität auf.

/ yan