The Vigil (2019)

The Vigil (2019)

  1. 88 Minuten

Filmkritik: Angst fressen Seele auf

Schnell verdientes Geld?
Schnell verdientes Geld? © Spot on Distribution

Yakov (Dave Davis) hat sich von seiner jüdischen Gemeinde abgewandt und möchte ohne sie einen Platz in der Gesellschaft finden. Weil er aber Geld braucht, lässt er sich widerwillig darauf ein, als Shomer eine Totenwache bei einem gerade verstorbenen Herr Litvak zu übernehmen. Fünf Stunden auf einen Toten aufzupassen, das ist schliesslich einfach verdientes Geld. Da kann man auch die demente Witwe in Kauf nehmen, die in regelmässigen Abständen durch das Haus huscht.

Ist der Tote tot genug?
Ist der Tote tot genug? © Spot on Distribution

Es geht aber nicht lange, bis sich die merkwürdigen Geräusche in der Wohnung häufen. Yakov plagen zudem verschiedene Visionen gruseliger Art, was er zunächst auf seine Panikattacken schiebt. Unter den Bildern, die vor seinen Augen auftauchen, sieht er immer wieder seinen jüngeren Bruder. Dieser wurde vor Jahren von Halbstarken wegen seiner Schläfenlocken, die er als Zeichen seiner jüdischen Herkunft trug, gehänselt, sprang fluchtartig vor ein Auto und starb. Die Litvak-Witwe warnt Yakov: Wenn er sich seinen Dämonen bis Sonnenaufgang nicht stellt, wird er, wie ihr verstorbener Mann, sein Leben lang von ihnen gejagt werden.

Keith Thomas bedient sich für seinen ersten Langspielfilm bei den Ritualen und Bräuchen der jüdischen Religion. Konzentriert in Raum und Zeit schafft er es, eine geschlossene und eindrückliche Atmosphäre zu erzeugen. Es ist das Gesamtbild des Films, das überzeugt und den Horrorstreifen sehenswert macht, doch die Kraft und Originalität der Einzelelemente schwächelt im Vergleich zu den Meisterwerken, die uns das Genre bisher geboten hat.

Tote oder solche, die es vielleicht doch nicht gänzlich sind, bieten immer gute Motive für Horrorfilme. Egal, ob in Leichenschauhäusern oder wie hier in einem einfachen Wohnzimmer: Wenn die vermeintliche Leiche noch lange nicht Ruhe geben will und einem nachstellt, wird es gruselig. Dazu braucht es gar keine grossartigen Spezialeffekte. Auch in The Vigil kommt der Regisseur mit deren wenigen aus. Das gewölbte weisse Leintuch auf dem Tisch spärlich ausgeleuchtet, ist da bereits äusserst wirkungsvoll.

Es ist genau diese Reduktion der Mittel, die die Stärke des Films ausmacht. Die Konzentration auf den räumlichen Schauplatz und den zeitlichen Rahmen machen den Film in erster Linie formal zu einem geschlossenen und damit künstlerisch einheitlichen Werk. Inhaltlich bedient sich der Regisseur vieler bereits schon gesehener Motive, um ein eigenständiges Werk vorzulegen. Dies bedeutet nicht, dass er nicht seinen schaurigen Effekt erfüllt. Harte Schnitte, die Beleuchtung und die Geräuschkulisse unterstreichen dies und auch hier bedient sich der Regisseur aus dem bekannten Repertoire des Fachs.

The Vigil situiert Thomas in einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde in den USA. Man könnte schon fast von einem Trend sprechen, sich filmisch hier zu bedienen. Lange wusste man nur wenig von diesen Kultur, doch wird sie nun filmisch vermehrt aufgegriffen. Sie bietet sich auch hervorragend an, denn je weniger über etwas bekannt ist, desto mehr Spekulationen und Verfremdung sind möglich. Leider ist es auch eine opportunistische Wahl angesichts des wachsenden Interesses am Thema. Schade ist zudem, dass es sich der Regisseur nicht verkneifen konnte, einen Bezug zum Zweiten Weltkrieg herzustellen. Muss es denn, sobald es sich um Juden handelt, zwangsläufig auch darum gehen?

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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