The Unknown Saint (2019)

The Unknown Saint (2019)

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  2. 100 Minuten

Filmkritik: Die Poesie des rechten Winkels

1. OutNow Film Festival 2020
Der Ort, an dem entstandene Hoffnung versandet
Der Ort, an dem entstandene Hoffnung versandet © trigon-film

Als sein Fluchtwagen mitten in der Wüste den Geist aufgibt, bleibt dem Dieb (Younes Bouab) nichts weiter übrig, als auf den nahen Hügel zu laufen und seine Sporttasche voll mit erbeutetem Geld zu vergraben. Raffiniert wie er ist, tarnt er sein Versteck als Grabstätte - hier würde fürs Erste mit Sicherheit niemand zu buddeln beginnen. Gerade als er die Schaufel den Hang hinunter schleudert, ertönen Sirenen.

«Weisst du, der sechste Sinn sitzt nämlich in der Leber.»
«Weisst du, der sechste Sinn sitzt nämlich in der Leber.» © trigon-film

Sein Bart ist um einige Zentimeter gewachsen, als er aus dem Gefängnis entlassen wird. Umgehend schnappt er sich ein Taxi, lässt sich in die Nähe seiner Beute absetzen - und staunt nicht schlecht. Denn um die Stelle, wo er sein Geld beigesetzt hatte, wurde inzwischen ein Mausoleum errichtet, das allerlei Pilger anzieht. Diese versprechen sich wundersame Heilung vom «Heiligen Unbekannten», der hier seine letzte Ruhe gefunden haben soll. Der Dieb bezieht Unterkunft im neu entstandenen Dorf und denkt nicht einmal daran, nun auch noch seine Hoffnungen auf das ergaunerte Geld zu beerdigen.

In dieser bisweilen herrlich komischen Marokko-Komödie über einen kriminellen Pechvogel werden behutsam absurde Momente des Lebens und Zusammenlebens freigelegt, die zu erzählen sich viel Zeit gelassen wird. Das Resultat ist eine originelle Parabel auf das Menschentum, die mit ihrer raffinierten Bildsprache und treffsicheren Lakonie überzeugt.

Er untersuche Natur und Gesteine, lügt der Dieb, als er nach dem Grund seines Besuches gefragt wird. «Bediene dich. Hier gibt es nichts anderes», lautet die Rückmeldung darauf. So wird denn in diesem Wüstenkaff vor allem die Zeit totgeschlagen - und mangels Vergnügungsmöglichkeit heisst das für seine Bewohner vor allem eines: warten. So werden in The Unknown Saint die kleinen Dinge wichtig, die in anderen Filmen übersprungen werden. Wie sich der Barbier die Hände einseift, wie der Portier sein Gebet verinnerlicht, wie einer auf den Wetterbericht im Radio wartet: Man hat Zeit und der Film nimmt sie sich auch.

Doch öde wirds in der Einöde nie, denn hier stossen wir im Schlepptau des Diebes auf eine Gesellschaft, in der es von stümperhaften (Klein-)Kriminellen und kauzigen Gestalten nur so wimmelt. Bemerkenswert ist, dass diese kaum einmal konstruiert wirken, denn vielmehr aus bestehenden Gesellschaften freigelegt. Unweigerlich, aber subtil entfaltet sich so Gesellschaftsritik und wenn wir sehen, wie der (Aber-)Glaube an den heiligen Unbekannten - das Geld - die Leute zur Landflucht treibt, stellt man fest, dass sich diese Geschichte geradeso gut in unseren Breitengraden abspielen könnte. Diese Satire schaut schliesslich noch genauer hin und leuchtet mit zugespitzten, symbolischen Szenen die Sinnleere all unserer Tätigkeiten aus. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte in diesem Film, in welchem ohnehin mit Mühe 1000 Worte zusammenkommen. Wenn aber etwas gesagt wird, trifft der marokkanische Regisseur Alaa Eddine Aljem damit ins Schwarze.

Auf die Bildsprache lohnt es sich in diesem Werk absurder Erzählkunst ohnehin zu achten. Die Kamera ist unter anderem stets vertikal auf ihr Objekt gerichtet oder spannt zwischen zweien einen rechten Winkel auf, manchmal sogar über einen Schnitt hinweg. Dadurch wird zum einen eine theatrale Unmittelbarkeit zum Geschehen provoziert, zum anderen verkündet der Film so, dass hier - auch wenn man es bisweilen nicht für möglich hält - die menschliche Vernunft waltet. Im Komplex dieses vorgeführten Schemas lässt der Film tröstlicherweise in allen Belangen die Möglichkeit offen, dass Wunder geschehen können. Man braucht die Dinge nur aus dem rechten Winkel zu betrachten.

/ arx