Uncut Gems (2019)

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Filmkritik: LOUD NOISES

44th Toronto International Film Festival
Sandler wäre wohl auch lieber an sändeln.
Sandler wäre wohl auch lieber an sändeln.

Der Juwelier Howard Ratner hat momentan jede Menge Stress. Er hat sich bei einigen finsteren Gestalten Geld geliehen, die ihm nun das Leben zur Hölle machen. Zudem läuft es zuhause mit seiner Ehefrau Dinah (Idina Menzel) auch nicht mehr besonders, und die beiden sind eigentlich nur noch wegen der gemeinsamen Kinder zusammen. Emotional ist Harold sowieso viel näher bei seiner Geliebten Julia (Julia Fox), welche auch bei ihm im Juwelierladen arbeitet. Dieser läuft eigentlich nur gut, weil Harolds Businesspartner Demany (LaKeith Stanfield) immer wieder Rapper und Basketballspieler vorbeibringt.

Mit der Ankunft eines wertvollen Steins, eines Opals aus Äthiopien, könnten Harolds Sorgen schon bald der Vergangenheit angehören. Er glaubt, dass der Opal einen Wert von einer Million Dollar hat. Doch dann zeigt Harold das wertvolle Teil dem Basketballspieler Kevin Garnett (spielt sich selbst). Garnett glaubt, dass der Stein ihm beim nächsten Spiel Glück bringen wird. Harold entscheidet sich dafür, den Stein Garnett für einen Abend abzugeben und bekommt vom Basketballspieler als Pfand einen teuren Ring, den der Juwelier sofort für Sportwetten einsetzt. Damit reitet sich Harold jedoch nur noch mehr in die Scheisse.

Die Safdies schicken in Uncut Gems einen Spielsüchtigen auf einen wilden Trip und schonen dabei weder ihren Protagonisten noch die Zuschauer. Mit ihrer wilden Inszenierung und der aggressiven Musik, die sich fast komplett durch den Film zieht, machen sie die Ruhelosigkeit ihres Antihelden spürbar. Das kann äusserst anstregend sein, ist aber auch bewunderswert, da die beiden Regie-Brüder dies über zwei Stunden lang durchziehen können und die Zuschauer dabei immer wieder zum Lachen bringen - durch die Erschöpfung und das idiotische Verhalten der Figuren.

Die Regiebrüder Benny und Josh Safdie haben eine unschwer zu erkennende Handschrift. Die beiden Brüder aus New York schicken ihre Antihelden auf irre Trips, welche sie mit ihren Bildern und einem hämmernden Soundtrack auch für die Zuschauer spürbar machen, dass es diesen fast schon schlecht werden kann. So erlebte Robert Pattinson in Good Time eine absolut wilde Nacht, bei der überhaupt nicht klar war, wo sie enden wird. Die Unvorhersehbarkeit ist ebenfalls ein Markenzeichen der Safdies, was auch für Uncut Gems gilt. In ihrem bisher ambitioniertesten Werk muss sich Adam Sandler als spielsüchtiger Juwelier während mehrerer Tage in voller Lautstärke um Kopf und Kragen reden. Blödelbarde Sandler war dabei schon lange nicht mehr so gut. Doch einfach auszuhalten ist das Ganze nicht. Wenn der unvergleichliche Channel-4-Wettermann Brick Tamland eine Kritik zu diesem Film schreiben müsste, würde da vor allem etwas stehen: "LOUD NOISES!"

Uncut Gems ist ohnehin kein einfach zu mögender Film. Fast alle Figuren sind unsympatisch, und neutral betrachtet ist Harold sogar ein richtiger Idiot. Er kriegt gleich mehrmals die Möglichkeit, sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Aber das scheint er gar nicht zu wollen. Er will immer mehr und verhält sich wie ein Spielsüchtiger in einem Casino, der sein ganzes gewonnenes Geld lieber nochmals auf den Spieltisch packt anstatt Feierabend zu machen. Es könnte ja noch mehr Geld herausschauen. So scheint Harolds Odyssee auch nicht wirklich ein Ende zu haben. Der Typ wird nicht aufhören, und diese Ruhelosigkeit ist mit einer losgelösten Kamera und ungewöhnlichen Schnitten auch Teil der Inszenierung. Uncut Gems ist ein richtiger Zappelphilipp von einem Film, der auch noch an ADHS leidet, und Adam Sandler verkörpert das perfekt.

Vor allem auch auf der Tonebene ist die Unruhe bemerkbar. Der Klangteppich von Experimentalmusiker Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never ist aggressiv-penetrant. Während der über zwei Stunden schreien immer wieder gleich mehrere Parteien wild durcheinander, sodass man als Zuschauer fast auf Untertitel angewiesen ist, die das wirklich Wichtige anzeigen. Im Vergleich dazu war Good Time deutlich ruhiger und - auch dank seiner klareren Linie, was die Story betrifft - letzten Endes besser.

Das soll aber nicht heissen, dass Uncut Gems nicht sehenswert ist. Man muss sich einfach komplett darauf einlassen, und dank den Kapriolen und den bunten Charakteren kann das alles grossen Spass machen. Man wird schon nach 20 Minuten wissen, ob man diesem Harold weiter folgen und diese Art des Filmemachens aushalten möchte oder nicht. Ein Probeabo für den Film wäre also kein Seich. Hate-it or love-it. Ein Unikat ist dieser ungeschliffene (Edel-)Stein auf jeden Fall.

/ crs