Tscharniblues II (2019)

Tscharniblues II (2019)

  1. 83 Minuten

Filmkritik: Recht auf Erfolglosigkeit

54. Solothurner Filmtage 2019
Crazy in den 70ern...
Crazy in den 70ern...

40 Jahre ist es her, seit sechs rebellische junge Berner zusammen einen Super-8-Film über ihre Generation gedreht haben: Dr Tscharniblues, benannt nach ihrem Quartier, dem Tscharnergut in der Stadt Bern. Sie sehen sich als Schweizer Ableger der 68er-Bewegung, erzählen von ihren Idealen, Träumen und Lebenszielen. Vier Jahrzehnte später treffen sich die unterdessen lebenserfahrenen Männer erneut, um gemeinsam zu eruieren, was sich in all den Jahren verändert hat. Mit dabei sind Bernhard Nick (Bäne), Christoph Eggimann (Eggi), Stefan Kurt (Stüfi), Stephan Ribi (Ribi) und Yves Progin (Yvu). Nur der Bruder von Bernard, Bruno Nick, fehlt.

...und noch immer crazy im 2019!
...und noch immer crazy im 2019!

Die Männer nehmen sich eine Auszeit, verbringen zusammen einige Tage in ihrem alten Quartier und schwelgen in Erinnerungen. Immer verfolgt sie dabei die Frage, was alles geblieben ist, was sich verändert hat. Sind es noch immer dieselben Träume, welche die Freunde begleiten? Was hat das Leben ihnen mitgegeben, was hat es ihnen genommen? Sind alle an den Punkt gekommen, den sie ursprünglich angestrebt haben? Und ist nur ein erfolgreiches Leben ein richtiges Leben? Was jedoch über all die Jahre geblieben ist, ist eine tiefgreifende Freundschaft.

Mit einer starken Nähe zu den porträtierten Männern und feinem Humor gelingt es Aron Nick, die Melancholie der fünf verbliebenen Protagonisten aus dem 1979 gedrehten Film Dr Tscharniblues aufzugreifen. Ihre Leben haben sich verändert, geblieben ist jedoch die Freundschaft und die Erinnerung ans Berner Tscharnergut, die erste Hochhaussiedlung der Schweiz. Ein einfühlsamer Dokumentarfilm mit der richtigen Dosierung aus Humor und Melancholie.

Exakt 40 Jahre nach Dr Tscharniblues trommelt Aron Nick, der Sohn von einem der Protagonisten des Berner Kultfilmes, die verbliebenen fünf Freunde Ribi, Eggi, Bäne, Stüfi und Yvu wieder zusammen. Er lässt die Männer, die im Berner Quartier Tscharnergut aufgewachsen sind, an den Ort ihrer Jugend zurückkehren - den Ort, wo sie sich kennengelernt, gelebt und den ungebändigten Super-8-Film gedreht haben, welcher damals von der Presse als Sprachrohr der Jugend betitelt wurde.

Aron Nicks Onkel Bruno ist nicht mehr dabei. Er ist verstorben. Die restlichen Fünf sind unterdessen um die 60 Jahre alt. In ihrem von der 68er-Bewegung geprägten ("Wir waren einfach Querschläger von Woodstock"), antigesellschaftlichen und selbstabbildenden Dr Tscharniblues erzählten die damals 20-Jährigen von ihren Träumen, Hoffnungen und Idealen. Aron Nick will von den "Berner Giele" nun wissen, was sich von diesen Träumen und Hoffnungen in den letzten 40 Jahren verändert hat; aber auch, was geblieben ist vom Freigeist dieser Generation. Ganz offen spricht er mit ihnen über ihre Lebens- und Leidenswege, über gesellschaftliche und politische Einstellungen, über Werte und die Wertigkeit von Erfolg.

Hier offenbaren die lebenserfahrenen Männer ganz unterschiedliche Werdegänge. Christoph Eggimann (Eggi) beschreibt sich selbst als erfolgreich erfolglos, während Stefan Kurt eine beeindruckende Karriere in Theater und Kino (Papa Moll) vorzuweisen hat. Aber ist Erfolg denn nur als gesellschaftliche Wertschätzung zu definieren? Die Männer kommen zusammen und frönen der Freundschaft, schwelgen in Erinnerungen und merken, dass eines der wertvollsten Güter im Leben ihre Freundschaft ist. Viel hat sich verändert. Familien und Jobs, Trennungen und Todesfälle. Vieles ist aber auch gleich geblieben. Der widerständliche Geist einer linken Bewegung ist noch immer spür- und sichtbar. Nur machen die Männer nun nicht mehr die Gesellschaft für ihre Unzufriedenheit verantwortlich, sondern ebenso sich selbst.

Aron Nick nimmt sich Zeit, den Protagonisten zuzuhören, ihnen den Raum zum Erzählen ihrer Ansichten zu geben. Stets auf Augenhöhe und als stiller Begleiter, tritt er aber auch selbst vor die Kamera, trägt seinen Teil zu der Geschichte bei, welche ihn geprägt, mit welcher er aufgewachsen ist. Immer wieder werden Ausschnitte aus Dr Tscharniblues oder den weiteren Filmen von Nicks Onkel ("Nestwärme") eingeschnitten. Gewisse Szenen spielen sie 1:1 nach, nur einfach einige Jahrzehnte später. Untermalt mit melancholischem Mundart-Soundtrack, geschrieben zum Teil vom verstorbenen Bruno, bewirkt Nick so, dass der Film nicht zu leicht wird.

Tscharniblues II als melancholisches Schwelgen in der Vergangenheit abzutun, würde dem Film aber nicht gerecht werden. Mit viel feinfühligem Humor und einer enormen Nähe zu den Protagonisten berührt der intime Dokumentarfilm die Zuschauer. Er wühlt auf, regt aber in vielen Szenen auch zum Lachen an. Wenn die Männer lachen, streiten oder herumalbern, hat man als Zuschauer stets das Gefühl, selbst dabei zu sein. Aron Nick gelingt mit Tscharniblues II ein durchaus sehenswerter Dokumentarfilm.

/ yab