True History of the Kelly Gang (2019)

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Filmkritik: Die andere Kelly Family

44th Toronto International Film Festival
Nach dem Fitness gleich mal ein Selfie machen.
Nach dem Fitness gleich mal ein Selfie machen.

Australien, im 19. Jahrhundert: Der junge Ned Kelly (Orlando Schwerdt) ist ein Nachkomme einer irischen Katholikenfamilie, die Jahrzehnte zuvor als Strafgefangene ans andere Ende der Welt verschifft wurde. In der kargen australischen Landschaft versucht die Familie seither zu überleben. Doch das Leben ist hart, sodass sich Neds Mutter eines Tages entscheidet, ihren Sohn dem Gesetzlosen Harry Power (Russell Crowe) zu verkaufen. Der Junge lernt bei Harry das Überleben in der Wildnis sowie den Umgang mit Waffen. Als Ned (George MacKay) zu seiner Mutter zurückkehrt, hat sich die Situation kaum verbessert.

Bartli holt gleich den Most.
Bartli holt gleich den Most.

Die Kellys werden je länger je mehr von den Kolonialbehörden schikaniert. Vor allem Constable Fitzpatrick (Nicholas Hoult) stattet der Familie immer wieder ungewünschte Besuche ab. Nach einem Handgemenge zwischen Fitzpatrick und Ned muss Letzterer untertauchen. Ned wird fortan von der Polizei gejagt, es gelingt ihm jedoch immer wieder zu entwischen - und so wird er mit der Zeit zur Legende.

Obwohl man hier aufgrund des Titels die wahre Geschichte der Kelly Gang erwarten könnte, pfeifft Regisseur Justin Kurzel wie die Buchvorlage von Peter Carey auf die Fakten. Der Film will vielmehr das Lebensgefühl des Ned Kelly vermitteln und setzt dabei auf hassenswerte Figuren, Punk-Rock und eine wilde Inszenierung. Wer ein klassisches Biopic erwartet, ist falsch. Wer raue und knallharte Western mag, dürfte hier eher seine Freude haben.

Über das Leben von Ned Kelly gibt es viele widersprüchliche Geschichten. So wird der wohl bekannteste Bushranger - so wurden Gesetzlose in Australien genannt, deren Rückzugsgebiet die Buschlandschaft war - von einigen als Volksheld angesehen, während er für andere nur ein brutaler Verbrecher war. Wer jetzt jedoch glaubt, dass ein Film mit dem Titel True History of the Kelly Gang die wahren Begebenheiten wiedergibt, dessen Hoffnungen werden gleich zu Beginn zerschossen. Kurz bevor der Titel eingeblendet wird, steht da nämlich "Nothing you're about to see is true" (auf Deutsch: "Nichts, was du gleich sehen wirst, entspricht der Wahrheit"). Oooookay ...

Mit Unwahrheiten geht es dann gleich weiter. Der von George MacKay gespielte Ned Kelly schreibt da in einem Brief an seine Tochter seine Lebensgeschichte nieder. Doch Kelly hatte gar keine Kinder und soll während seinen Outlaw-Zeiten auch nicht wirklich mit jemandem romantisch involviert gewesen sein. Mit dieser Rahmenhandlung folgt Regisseur Justin Kurzel jedoch der gleichnamigen und gefeierten Romanvorlage von Peter Carey. Für den Geschichtsunterricht ist dieser Streifen also schon mal gar nichts - auch wegen der Figuren und der Gewalt.

Denn dieser Film ist bevölkert mit hasserfüllten und hassenswerten Charakteren, allen voran Essie Davis (The Babadook) als Raben-Mutter und Nicholas Hoult als böser Constable. Auch Russell Crowe hat einen kurzen, aber denkwürdigen Auftritt als Gesetzesloser. Doch anstatt den Outlaw-/Rächerplot nach vorne zu treiben, suhlt sich Kurzel lieber in dem ganzen Elend, bei dem mehr geschrien als gesprochen wird. Die dreckige und langsame Inszenierung ist dabei deutlich näher bei Kurzels Erstlingswerk, dem Serienkiller-Drama Snowtown, als bei seiner Gameverfilmung Assassin's Creed. Beim gelungenen Showdown kriegt der Zuschauer schliesslich noch eine Extraportion MacBeth serviert, wenn die Kelly Gang gegen eine Überzahl an schwer bewaffneten Polizisten antritt. Das ist ein audiovisueller Angriff auf die Ohren und Augen.

Die Frage sei erlaubt, wieso man sich den Film trotz seines äusserst fraglichen Wahrheitsgehalts und seinen fast schon unausstehlichen Figuren antun soll? Die Antwort liegt eigentlich schon in dieser Fragestellung. Kurzel hat einen äusserst rohen und dreckigen Western geschaffen, dessen schwarzes Herz perfekt den gezeigten, rauen Lebensbedingungen entspricht. Zudem war Kelly ein Rebel und so wollten die Macher hier ihn nicht in die gewöhnliche Form eines Biopics quetschen, wie das die Heath-Ledger-Umsetzung von 2003 tat. Stattdessen gibt es Punk-Rock auf der Tonspur und eine wilde Szene nach der anderen. Es geht hier mehr darum, das Gefühl zu vermitteln, wie das brutale Leben des Ned Kelly war. True History of the Kelly Gang ist so mehr ein Erlebnis, anstatt ein Film, der berühren will. Das kann abschreckend und/oder faszinierend sein - und passt somit perfekt zum Volkshelden/Verbrecher.

/ crs