Il traditore (2019)

Il traditore (2019)

Der Verräter
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  3. 145 Minuten

Filmkritik: Der Henker und sein Richter

72e Festival de Cannes 2019
Wer im Glashaus sitzt, sollte keine Sonnenbrille tragen. Oder wie ging das Sprichwort?
Wer im Glashaus sitzt, sollte keine Sonnenbrille tragen. Oder wie ging das Sprichwort? © Filmcoopi

Rio de Janeiro, Anfang der Achtzigerjahre: Nachdem Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino), langjähriges überzeugtes Mitglied der Cosa Nostra, im Krieg rivalisierender Clans zwischen die Fronten geraten ist, hat er sich nach Brasilien abgesetzt und mit seiner dritten Ehefrau Cristina (Maria Fernanda Candido) und zwei Kindern ein neues Leben aufgebaut. Doch die Vergangenheit lässt ihn nicht los: Zahlreiche Freunde und Verbündeten aus der Vergangenheit werden rücksichtslos umgebracht. Schliesslich wird er von der Polizei verhaftet und nach Italien überführt.

Zwei Fäuste gegen Rio
Zwei Fäuste gegen Rio © Filmcoopi

Dort entscheidet er sich nach einigem Zögern, mit dem Richter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) zusammenzuarbeiten. Nicht weil er sich als "Petzer" sieht, sondern weil er die Werte der Organisation, der er seit seiner Jugend angehört, von den jetzigen Bossen verraten sieht. Mit Hilfe von Buscettas Informationen gelingt es den italienischen Behörden, zahlreiche hohe Clanmitglieder zu verhaften und vor Gericht zu bringen. Doch für Buscetta hat der Entscheid seinen Preis: Fortan wird er bis zum Rest seines Lebens nicht mehr ruhig schlafen können.

Regisseur Marco Bellocchio zeichnet mit Il traditore ein etwas sprunghaft und unruhig erzähltes Porträt des wichtigsten Kronzeugen in den italienischen Anti-Mafia-Prozessen der Achtzigerjahre. Das ist toll gespielt und in den besten Momenten auf eine beklemmende Art fesselnd. Allerdings ist gerade gegen Ende die (Über-) Länge des Filmes doch sehr stark zu spüren. Ein teilweise anstrengend zu schauender Film mit einer widersprüchlichen Hauptfigur, der stellenweise aber trotzdem unter die Haut geht.

Ähnlich wie The Godfather beginnt Il traditore mit einem rauschenden Fest, hinter dessen fröhlicher Fassade die Mafiabosse ihre Fäden ziehen. Ob das nun ein beabsichtigtes Zitat des berühmtesten aller Mafiafilme ist oder ein Zufall, sei dahingestellt. Auf jeden Fall nimmt der Film dann den umgekehrten Verlauf: War es im Coppola-Film der Auftakt zu einer Aufstiegsstory innerhalb der kriminellen Organisation, steht das Fest hier am Anfang einer Entwicklung, die zu einem der spektakulärsten Prozesse gegen das organisierte Verbrechen in der Geschichte Italiens (und nicht nur Italiens) führte.

Dank den Aussagen von Tommaso Bruscetta konnte über 300 teilweise hochrangigen Mafiosi der Prozess gemacht werden. Sie sitzen teilweise heute noch hinter Gittern oder sind - wie im Fall des gefürchtetsten Oberhauptes Toto Riina, der im Film auch eine Nebenrolle spielt - im Gefängnis verstorben. Der "Verräter", der sich selbst natürlich ganz anders sieht, ist dabei eine durchaus zwiespältige Hauptfigur: Es ist ein Krimineller, der nicht etwa aus selbstlosen Motiven handelt, sondern aus einem verqueren Ehrengefühl und natürlich auch, um seinen eigenen Arsch zu retten. Die Identifikation mit einer solchen Figur fällt als Zuschauer demnach nicht ganz einfach. Und doch schafft es Hauptdarsteller Pierfrancesco Favino, diesem Killer ein menschliches Antlitz zu geben, sodass die Sympathien während der Prozessszenen dann auch klar auf seiner Seite sind.

Diese Prozessszenen sind der Kern des Filmes von Marcho Bellocchio und auch dessen stärkster Teil. Die inhaftierten Mafiabosse, die wie kleine Könige hinter Gittern den Prozess verfolgen und mit Zwischenrufen und Showeinlagen stören, sind ein Bild, das absurd lustig sein könnte, wäre es nicht so bedenklich. Denn das hat sich in unserem Nachbarland vor 30 Jahren tatsächlich so abgespielt, genauso wie das Attentat auf Giovanni Falcone - hier gespielt von Fausto Russo Alesi - im Jahr 1992, was den italienischen Richter posthum zu einer Ikone der Anti-Mafia-Bewegung gemacht hat. Auf jeden Fall ist diese Prozessshow mit den Wortgefechten der Cosa-Nostra-Mitglieder spannend mitzuverfolgen.

Das kann man leider nicht von dem ganzen Film behaupten. In seiner unruhigen, etwas sprunghaften Inszenierung - die an Bellochhios frühere Werke wie Vincere erinnert - nutzt er sich mit zunehmender Spielzeit ein wenig ab. Dazu trägt auch bei, dass die Zeitsprünge anfangs noch in relativ kurzen Abständen erfolgen, gegen Ende des Zweieinhalbstünders aber mal schnell mehrere Jahre übersprungen werden. So wirkt Il traditore zwischenzeitlich ein wenig abgehackt. Dennoch wirft er ein eindrückliches Scheinwerferlicht auf die Welt des organisierten Verbrechens, die um einiges realer und daher auch bedrohlicher rüberkommt als die im berühmten amerkanischen Genrekollegen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Italienisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:05