Tolkien (2019)

Tolkien (2019)

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  2. 112 Minuten

Filmkritik: Der Herr der Sprachen

Beren und Lúthien
Beren und Lúthien

Der bedeutendste Fantasyautor des vergangenen Jahrhunderts, Sprachgenie und Schöpfer ganzer Welten: John Ronald Reuel Tolkien. Was prägte eigentlich den Verfasser der Monumentalwerke um Mittelerde? Nach einem Schicksalsschlag tauscht der junge J. R. R. (Nicholas Hoult) die grünen Wiesen Englands gegen die graue Industriestadt Birmingham ein. Mit Hilfe der Kirche und Vater Francis (Colm Meaney) landen er und sein Bruder in der Obhut der wohlhabendend Mrs. Faulkner (Pam Ferris). Ebenfalls ein Gast im Anwesen ist seine Jugendfreundin Edith (Lily Collins).

The Tea Club, Barrovian Society
The Tea Club, Barrovian Society

Als Aussenseiter kommt John an die renommierte King Edward's School, an der er sich mit Geoffrey, Robert und Christopher (Anthony Boyle, Patrick Gibson und Tom Glynn-Carney) anfreundet. Zusammen träumen die vier Künstler von grossen Errungenschaften und gründen ihren eigenen Club. Trotzdem sie alle unterschiedliche Universitäten besuchen, bleibt die Bruderschaft beisammen. Doch für John wird es zunehmend schwieriger, das Schreiben, die Beziehung zu Edith und sein Studium unter einen Hut zu bringen. Zudem steht England kurz vor dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg.

Tolkien ist ein solides Biopic. Mit Einschüben aus dem Krieg versetzt, wird die Lebensgeschichte des Autors chronologisch bis zu einem bestimmten Ereignis berichtet. Ohne Höhepunkte werden die Freundschaften und Liebesbeziehungen der Jugend präsentiert. Viel wird von der Kraft der Kunst erzählt, aber wenig davon gezeigt. Interessant sind vor allem die Referenzen an Tolkiens Werke über Mittelerde. Wenn Ringgeister und flüsternde Bäume ihren Weg auf die Leinwand finden, wird es auch filmisch interessant.

Im Fiebertraum von Tolkien verwandelt sich die Kriegsfront in Nordfrankreich in ein feuriges Land voller Rauch und Asche. Grimmige Gestalten ziehen über die Schützengräben, dann ein dunkler Schatten und ein Flüstern. Das tote Niemandsland wird in seiner Fantasie wahrhaftig zu Mordor, dem Land aus Der Herr der Ringe, dort «wo die Schatten drohn».

Immer wieder werden Szenen aus den Schützengräben in die Handlung eingeschoben. Ein schreckliches Finale, auf das der Film hinarbeitet. Die Referenzen auf Tolkiens Lebenswerk ziehen sich durch den gesamten Film. Seine Heimat auf dem Land erinnert an das Auenland der Hobbits, Bäume, die sich bewegen an die Ents und wenn in einer sternenklaren Nacht der Polarstern über J. R. R. strahlt, dann ist er schon so tief in seinen eigenen mythologischen Kosmos vorgedrungen, dass er an Earendil, den Seefahrer der Elben, denkt. Diese Anspielungen sind nicht nur befriedigend für Fans, sie zeigen auch, wie viel Arbeit in Tolkiens Werken steckt und dass diese Verknüpfungen omnipräsent waren.

Die wichtigste Eigenschaft, die der Film seinem Protagonisten zuschreibt, ist sein Sprachtalent. Seine Geschichten über fremde Legenden kann Tolkien in jeder Sprache vortragen und seine Genialität trägt ihn sogar so weit, dass er sich vollständige Sprachsysteme dafür ausdenkt. Nicolas Hoult spielt den Briten makellos - nur einmal macht dieser etwas Egoistisches. Fehler macht nur die Gesellschaft, die ihn unten hält. Das führt dazu, dass J. R. R. im Film eine relativ uninteressante Figur ist. Er gleitet durch seine eigene, leicht dramatisierte Biografie.

Weder die Romanze zu Edith, noch die Freundschaft der vier Eliteschüler bietet etwas, was man in anderen Filmen über die Jugend und angesehene Internate nicht schon oft genug gesehen hätte. Die Handlung plätschert so vor sich hin, dass auch der Krieg ihr keinen Schwung verleihen kann. An einigen Stellen fühlt sich Tolkien erschreckend belanglos an. Zum Beispiel im Epilog, worin Tolkien noch einmal das zusammenfasst, was der Zuschauer gerade erst mit eigenen Augen gesehen hat. Wenigstens die Musik, die ebenfalls an den Herrn der Ringe erinnert, trägt an einigen Stellen zur Dramatik bei.

So ist Tolkien ein grundsolides Biopic, dem es aber nicht gelingt, seinen genialen Protagonisten ausreichend darzustellen. Die Sehnsucht nach Peter Jacksons Filmen ist das einzige Herausstellungsmerkmal. Alles andere könnte auch aus einer der Fabriken in Birmingham stammen.

/ sma

Kommentare Total: 2

Miss Dixon

Das Biopic kratzt nur oberflächlich an der Persönlichkeit des erfolgreichsten Fantasy-Autors. Man erfährt nur sehr wenig über Tolkiens Schaffen - die Liebesbeziehung zu Edith und die Bruderschaft zu seinen Studienkollegen stehen im Vordergrund. Nicholas Hoult verleiht der Figur die nötige Sensibilität; mit seinen kindlichen Zügen und den himmelblauen Augen vermag er Tolkien in der Zeit als junger Erwachsener gut zu verkörpern. Apropos Augen, einer der beiden Schauspieler wurde falsch besetzt, da mit Harry Gilby, der junge Tolkien mit braunen Augen dargestellt wird.
Ein Film der unterhält, aber nichts neues (über J.J.R. Tolkien) erzählt

sma

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