Systemsprenger (2019)

Systemsprenger (2019)

  1. 110 Minuten

Filmkritik: Rebellion in Pink

Zurich Film Festival 2019
Kampfzwerg
Kampfzwerg

Wenn die kleine Bernadette, genannt "Benni" (Helena Zengel), austickt, wird es richtig unangenehm. Das zart aussehende blonde Mädchen ist ein ungestümes Energiebündel, und sobald ihr irgendwas missfällt oder sie sich provoziert fühlt, schreit sie los und ihr irrsinnig hohes Aggressionspotenzial kommt zum Vorschein. Regeln befolgt sie keine und Erwachsenen gegenüber zeigt sie keinerlei Respekt. Benni leidet an den Folgen eines schwierigen Elternhauses und eines traumatischen Erlebnisses, das ihr als Kleinkind widerfuhr.

Hier darfst du alles kleinhauen!
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Weil ihre Mutter (Lisa Hagmeister) masslos überfordert ist mit der Unberechenbarkeit von Bennis Wutanfällen, ist sie auf soziale Dienste angewiesen. So steht Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide), Angestellte des Jugendamtes, vor der Mammutaufgabe, Benni irgendwo längerfristig unterzubringen. Pflegefamilien, Wohnheime, Sonderschulen: Wo auch immer Benni landet, fliegt sie sofort wieder raus. Dabei wünscht sie sich sehnlichst, wieder zu ihrer Mutter zurückzukehren. Erst der Miteinbezug des Schulbegleiters Micha (Albrecht Schuch), der normalerweise mit gewaltbereiten Jugendlichen arbeitet, könnte Benni helfen und eine Veränderung in ihrem Verhalten bewirken.

Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt Systemsprenger ist ein wuchtiges und zugleich intimes Sozialdrama über ein kleines Mädchen, welches völlig ausser Kontrolle geraten ist. Die junge Hauptdarstellerin Helena Zengel ist schlichtweg phänomenal und verblüfft mit einer hemmungslosen, entfesselten und berührenden Darbietung. Visuell sticht passend die knallige Farbe Pink heraus und ein elektrisierender Soundtrack unterstützt das Erzählte hervorragend. Verständlich, dass das brillante Werk Deutschlands ins Rennen um eine Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film 2020 geschickt wurde.

Für den Dokumentarfilm Ohne diese Welt wurde die deutsche Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt an Filmfestivals mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Zuvor drehte sie weitere Dokumentar- und einige Kurzfilme. Mit Systemsprenger liefert sie nun ein bemerkenswertes Spielfilmdebüt. Es sind brenzlige, heikle Themen, welche in ihrem Sozialdrama behandelt werden. Themen, welche viel Feingefühl fordern. Die Erziehung, das Sozialwesen, die Sozialpädagogik und der Umgang mit Aussenseitern, Outcasts, betreffen eine gesamte Gesellschaft. Jeder Mensch hat damit Berührungspunkte und kann sich in irgendeiner Form mit den Betroffenen identifizieren.

Systemsprenger zeigt sehr schön auf, mit welchen Problemen und Herausforderungen die sozialen Institutionen konfrontiert werden im Umgang mit Schwererziehbaren. In manchen Situationen sind sie schlicht und einfach hilflos und es ist viel Geduld und Rücksicht gefordert, um damit umzugehen. Zudem besteht für die Mitarbeiter eine grosse Schwierigkeit darin, auf die Kinder einzugehen, eine Beziehung aufzubauen und dabei gleichzeitig die nötige Distanz zu wahren. Sowohl Frau Bafané als auch Micha entwickeln grosse Sympathie- und Mitleidsgefühle für Benni. Denn eigentlich ist sie ein aufgewecktes und liebenswürdiges Mädchen. Ein Mädchen, welches Opfer der Umstände ihres Elternhauses wurde und unter den Folgen leidet.

Für die Hauptrolle landete Nora Fingscheidt mit Helena Zengel einen absoluten Volltreffer. Die damals erst Achtjährige sieht harmlos und süss aus mit ihrer blassen Haut, den hellen Haaren und den grossen unschuldigen Augen. Der erzeugte Effekt, wenn sie explodiert, ist dadurch umso heftiger. Das junge Mädchen hat keinerlei Hemmungen, sich der Rolle voll und ganz hinzugeben. Sie ruft ihr gesamtes Energievermögen ab und schreit sich die Seele aus dem Leib, bis sie feuerrot anläuft und beinahe kollabiert oder einen Anfall erleidet, den ihr frühkindliches Trauma hervorruft. Diese Momente sind visuell grossartig umgesetzt. Während Benni in eine Art Trance-Zustand verfällt, überblenden sich die Bilder und verfärben sich pink. Pink ist zudem auch die Kleidung, die Benni trägt. Die knallige Farbe passt bestens zum provokativen, extravaganten Energiebündel. Und auch zur wuchtigen Art Film, welche Systemsprenger mit seiner Intensität bietet.

/ gli