Swallow (2019/I)

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  2. 94 Minuten

Filmkritik: Don't eat mud

19. Neuchatel International Fantastic Film Festival 2019
"Alles in Ordnung, Richie, versprochen!"
"Alles in Ordnung, Richie, versprochen!"

Die aus bescheidenen Verhältnissen stammende Hunter (Haley Benett) und Richie (Austin Stowell) führen eine glückliche Ehe. Richie übernimmt von dessen Vater Erwin (Denis O'Hare) die Firma. Sie wohnen in einer schönen, abgelegenen Villa mit Designermöbeln, Richie fährt einen Sportwagen und macht Hunter teure Geschenke in Form von Schmuck oder Kleidung. Hunter bleibt den Tag über zu Hause, putzt und kocht für Richie, ansonsten verbringt sie ihre Zeit damit, zu malen.

Allein, allein
Allein, allein

Sie fühlt sich zunehmend einsamer, soziale Kontakte neben Richie und dessen strengen und erfolgsversessenen Eltern hat sie kaum. Auch das Haus verlässt sie nur selten und wenn, dann nur um in Nobelrestaurants mit Richies Familie essen zu gehen. Von dieser wird sie kritisch beäugt, die Gespräche drehen sich zumeist um Erfolg und Reichtum, Hunter kommt kaum zu Wort. Hunter wird schwanger, sie und Richie freuen sich auf das kommende Kind, welches sich prächtig zu entwickeln scheint. Doch gleichzeitig beginnt für Hunter eine Faszination fürs Verschlucken von ungeniessbaren Gegenständen, welche nicht nur Hunter, sondern auch das Wohl des entstehenden Kindes gefährdet.

Das spannende Psychodrama Swallow setzt in erster Linie auf Gemächlichkeit und Charakterentwicklung, was durch die durchwegs gute schauspielerischen Leistungen ermöglicht wird. Der Film präsentiert eine an sich ekelhafte Grundidee, ohne sie auszuschlachten und überzeugt dabei vor allem mit seinen Thrill-Elementen und einer tollen Haley Benett.

Nach der psychosexuellen Entwicklung von Sigmund Freud durchlebt das Kind im ersten Lebensjahr die orale Phase: Es steckt sich sämtliche erreichbaren Gegenstände in den Mund und ertastet sie mit der Zunge, sowohl die Oberflächenstruktur als auch die Materialbeschaffenheit und die Konsistenz. In dieser Phase wird im besten Falle das Urvertrauen zu den Eltern entwickelt, welches massgebend für die menschliche Bindungsfähigkeit im späteren Leben sein wird. Was aber hat Sigmund Freud mit dem neusten und erst zweiten Film von Carlo Mirabella-Davis zu tun? Wie der Titel es bereits verraten könnte, geht es um die orale Konsumation von Gegenständen. Denn die Protagonistin Hunter leidet am Pica-Syndrom, welches die Betroffenen dazu veranlasst, ungeniessbare Dinge zu essen.

Der Film beginnt gemächlich, es wird die mehr oder minder glückliche Ehe von Hunter und Richie gezeigt. Alles scheint gut und wünschenswert, nichts kann das Eheglück trüben. Doch bald zeigt sich, dass alles Bisherige nur Fassade war, die wahren Charakterzüge der beiden kommen ans Licht. Vorbei ist das ungestörte Leben in luxuriösem Haus mit Geld en Masse und entstehendem Babyglück. Getragen wird der Film von einer fantastisch agierenden Haley Benett (The Girl on the Train), deren wunderbar melancholisch-getrübter Blick perfekt in diese Rolle passt. Sie alleine trägt den Film über dessen Laufzeit von 94 Minuten durch ihre beachtliche schauspielerische Leistung. Die Rollen von Richie und dessen versnobten Eltern wissen ebenfalls zu gefallen, benötigen beim Acting allerdings weitaus weniger Gesichtsyoga als diejenige von Benett.

Das gemächliche Erzähltempo von Swallow entpuppt sich als grosser Pluspunkt, es lässt dem Publikum genügend Zeit, sich mit den Charakteren und deren Veränderungen vertraut zu machen. Dabei wird auf Sensationsgeilheit gänzlich verzichtet, das Drama bleibt stets realitätsnah und weiss genau, wann was gezeigt werden muss, um zwar zu provozieren, aber ohne dabei auf plumpe Schockmomente zu setzen. Das sich langsam anbahnende Fiasko entwickelt sich vielmehr im Kopf der Zuschauenden als auf der Leinwand selbst.

Der Film befasst sich intensiv mit dem Thema Fassade: Alles scheint in Ordnung zu sein, nichts deutet auf eine Krankheit oder ein Unglück hin. Hinter der makellosen Fassade bröckelt allerdings der Gips ab, nur scheint dies lange niemand zu bemerken. Ein intensives, packendes Drama entsteht, welches mit einigen Thrill-Elementen und Gegenständen für ein flaues Gefühl in der Magengegend sorgt. Die langsamen, einsamen Bilder sind optisch sehr schön eingefangen und untermalen die Abgeschiedenheit der Wohnlage wie auch Hunters Seele im Bezug zu ihren Mitmenschen. Dabei bleibt bis zum Schluss ungeklärt, woher die Neigung plötzlich kam, ob sie mit körperlichen Veränderungen einherging oder bereits zuvor bestand und nur unterdrückt wurde.

/ yab