Lo spietato (2019)

Lo spietato (2019)

Filmkritik: Die vielen Wunder von Mailand

1. OutNow Film Festival 2020
Ich vollbringe Wunder. Ça va sans dire.
Ich vollbringe Wunder. Ça va sans dire. © Netflix

Im Jahre 1967 zieht der jugendliche Santo Russo zusammen mit seiner Familie von der süditalienischen Stadt Platì, Kalabrien, in einen Vorort der norditalienischen Metropole Mailand. Während er für einen Fleischhändler Lieferungen austeilt, fallen ihm erstmals die gut gekleideten und bedrohlich wirkenden Mafiosi vor der naheliegenden Bar namens «Saloon» auf. Der Anführer der Bande heisst Spadafora (Pietro Pace) und stammt ebenfalls aus Kalabrien. Santos Vater ist den Gangstern wohl bekannt - er wurde noch in der Heimat aus dem Kreis der 'Ndrangheta ausgeschlossen. Ausgerechnet am Neujahrsabend landet Santo im Gefängnis, weil die Polizei ihn und einen Kollegen mit einer geklauten Vespa erwischen.

Auf dem Weg in die Kirche.
Auf dem Weg in die Kirche. © Netflix

Zehn Jahre später sind Santo (Riccardo Scamarcio) und sein ehemaliger Zellengenosse «Slim» (Alessio Praticò) gestandene Verbrecher, die regelmässig bewaffnete Raubüberfälle begehen. Damit machen sie Spadafora auf sich aufmerksam und steigen mit ihm ins Geschäft ein. Zur gleichen Zeit begegnet Santo seiner grossen Liebe und zukünftigen Ehefrau Mariangela (Sara Serraiocco). Santo fühlt sich unaufhaltsam, und um seine Macht zu demonstrieren, vollbringt er ein erstes Wunder.

Renato De Maria nahm sich offensichtlich vor, mit Lo spietato ein episches Gangsterdrama im Stile der grossartigen Mafia-Klassiker wie Goodfellas oder Casino zu schaffen. Trotz überzeugenden schauspielerischen Darbietungen und einigen schönen nostalgischen Effekten der diversen Zeitepochen misslingt ihm dies. Dramaturgisch hat der Film nur wenig zu bieten, und nennenswerte Szenen sind kaum vorhanden. Gegenüber seinen italoamerikanischen Vorbildern wirkt Lo spietato wie die billige Kopie einer Ray-Ban-Sonnenbrille für fünf Euro, denn an Originalität fehlt es dem Film weitgehend. Ça va sans dire.

Ein Vergleich mit Scorseses Meisterwerk Goodfellas und weiteren Mafia-Klassikern wird beim Betrachten von Lo spietato unausweichlich. Die Parallelen sind schlichtweg zu offensichtlich: Eine Erzählung über mehrere Jahrzente hinweg, welche grössere Zeitsprünge zur Folge hat. Das Voice-over der Hauptfigur, welches die Zuschauer durch seine Geschichte führt und Hintergrundinformationen liefert. Die Ehefrau des Gangsters, welche durch den kriminellen Lebensstil ihres Mannes in den Wahnsinn getrieben wird. Die Geliebte des Gangsters, mit welcher dieser seine Frau betrügt. Die gewaltsamen Exzesse, welche von klassischen Rock- und Funksongs untermalt werden.

Es könnten noch etliche weitere Merkmale angefügt werden. Und all diese Eigenschaften passen auch wunderbar zu einer Erzählung dieser Art - vorausgesetzt, es wird gut erzählt! De Maria scheint den Fokus viel zu sehr auf die stilistischen Merkmale seines Films gelegt zu haben statt auf eine originelle Geschichte. Santo Russos kriminelle Karriere verläuft, abgesehen von den kurzweiligen Gefängnisausflügen, supergeschmeidig. Raubüberfälle, Kidnapping, Autoschmuggel, Drogenhandel - alles scheint er problemlos zu beherrschen. Seine Gegenspieler beseitigt Santo mühelos, wobei er die Mordanschläge als «Wunder» bezeichnet. Auch der Polizei oder dem Geheimdienst wird kein Gesicht verliehen. Und weil ihm keine richtigen Hindernisse in den Weg gestellt werden, bleiben grosse Spannungsmomente und Wendepunkte aus.

Santos Beziehung zu den Frauen stellt für ihn die grössere Herausforderung dar als seine Arbeit und somit stechen einige Szenen mit seiner Ehefrau Mariangela und seiner Geliebten Annabelle (Marie-Ange Casta) aus dem Gesamtwerk heraus und bieten eine willkommene Abwechslung. Ein Streit zwischen Santo und Mariangela, welche allmählich den Verstand verliert, eskaliert und ruft dabei starke schauspielerische Leistungen der beiden Darsteller ab. Die Szenen mit der verführerischen französischen Künstlerin Annabelle sind von Leidenschaft und Humor geprägt. Santos Unverständnis für abstrakte Kunst sorgt für einen überaus kuriosen Moment. Und von Annabelles Zitat «Ça va sans dire», ist der Gangster so beeindruckt, dass sich der Satz wie ein roter Faden durch den Film zieht und im weiteren Verlauf mehr oder weniger passend eingesetzt wird.

Auch wenn die schauspielerischen Darbietungen insgesamt solide sind und insbesondere Hauptdarsteller Riccardo Scamarcio mit seiner Bildschirmpräsenz, seinen eiskalten Augen und seinem smarten Auftreten als skrupelloser Gangster überzeugt, reicht dies für einen gutes Werk nicht aus. Auf der narrativen Ebene gibt Lo spietato zu wenig her, und an Originalität fehlt es dem Film eindeutig. Wer sich zeitgenössische italienische Werke über das organisierte Verbrechen anschauen will, ist mit Suburra und insbesondere Gomorra - La serie deutlich besser bedient. Ça va sans dire.

/ gli