Filmkritik: Aus- und Erlöser des Bösen

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Keine Cops trotz schönen Schnäuzen
Keine Cops trotz schönen Schnäuzen

Antonio Barracano (Francesco Di Leva) ist die einflussreichste Person in Neapels Stadtviertel Rione Sanità und trägt den Übernamen «Sindaco», was so viel wie Bürgermeister bedeutet. Mit seiner Familie lebt er in einer prächtigen Villa, etwas abseits des städtischen Rummels. Wer ein Problem hat, meldet sich bei Barracano, und der lässt auf seine eigene Weise Gerechtigkeit walten.

Wie in jener Nacht, als zwei befreundete junge Hitzköpfe, die in einem Nachtclub arbeiten, in einen Streit geraten und mit Pistolen aufeinander schiessen, bis einer von ihnen eine Kugel abkriegt. Sofort begeben sie sich zur Villa, wo der Verletzte von Barracanos Arzt und Ratgeber Fabio Della Ragione (Roberto De Franceso) behandelt wird. Als Barracano in den frühen Morgenstunden vom störenden Lärm geweckt wird und sich ins Wohnzimmer begibt, stehen bereits die nächsten Gäste vor der Tür. Barracano hat einen Konflikt zwischen einem Schuldner und einem Kredithai aus Neapels Zentrum zu schlichten. Doch damit nicht genug. Den Höhepunkt der Besuche erreicht erst jener von Bäckerssohn Rafiluccio Santaniello (Salvatore Presutto). Er teilt Barracano mit, dass er seinen Vater umbringen möchte.

Mario Martone adaptiert für sein Gangsterdrama Il sindaco del Rione Sanità Eduardo De Filippos gleichnamiges Theaterstück, welches den Sechzigerjahren entstammt. Das Resultat ist wenig berauschend, wenn auch nicht schlecht. Mit dem charismatischen Hauptdarsteller Francesco Di Leva ist die Rolle des «Sindaco» ideal besetzt. Und dem Film gelingt es auch über mehrere Strecken, Spannung aufzubauen sowie mit humorvollen Momenten zu unterhalten. Leider driftet er stellenweise ins Lächerliche ab, was sich nicht gut verträgt mit den ernsteren Themen, die behandelt werden.

Il sindaco del Rione Sanità ist bereits Mario Martones achter Spielfilm. Dass er sich dafür entschieden hat, ein Theaterstück zu verfilmen, ist keineswegs zufällig geschehen. Bevor er zum Film wechselte, war er jahrelang als Theaterregisseur tätig, und zuvor gründete er diverse Theatergruppen.

Um die Geschichte des beinahe 60 Jahre alten Stücks in die Gegenwart zu adaptieren, orientiert sich der Film an den Eigenschaften der zeitgenössischen Werke über die Camorra und Gangsterfilme. Wenn einige der Figuren aus Il sindaco del Rione Sanità in neapolitanischem Dialekt rumfluchen, erinnern sie unweigerlich an die jungen Charaktere aus der Erfolgsserie Gomorra - La serie: hitzköpfig, aggressiv, skrupellos - und nicht selten auch dämlich. Doch genau diese Dämlichkeit stellt Martone in seinem Film stellenweise derart überspitzt dar, dass sich dies nicht mehr gut mit dem Haupthandlungsstrang der Geschichte verträgt.

Im Zentrum der Erzählung steht selbstverständlich der «Sindaco» selbst - grossartig verkörpert von Francesco Di Leva. Stilvoll, elegant, eitel, wortgewandt, bedacht - dem ehrenvollen Mann macht er trotz seiner jungen 38 Jahre alle Ehre. Aufgrund seines grosszügigen und hilfsbereiten Umgangs mit seinen Gästen wirkt er sehr sympathisch. Einer, der dem Volke nahe steht.

Für das Publikum bleibt er trotz Zugänglichkeit ein Mysterium. Auf welche Weise er seinen ganzen Reichtum erlangt hat, wird in der Erzählung nie erwähnt. Gemäss einer Aussage seines Arztes und treuen Ratgebers entrang er mehrmals nur knapp einer Gefängnisstrafe, was auf seine kriminellen Machenschaften hindeutet. Und dass er zu Gewalt neigt, wenn ihm jemand missfällt oder sich gegen ihn wendet, stellt er mehrfach unter Beweis.

Die Komplexität seiner Figuren, die cleveren, humorvollen, teils gar philosophischen Dialoge und einige spannungsgeladenen Szenen sind gute Zutaten von Martones Il sindaco del Rione Sanità. Leider vermiesen andere Ingredienzen das Gericht. Zu lächerlich und dümmlich wirkt der Film stellenweise. Als ob er sich selbst nicht ernst nehmen würde. Und zu wenig ausgereift wirkt die Story, was wohl unter anderem an der Zusammenführung von klassisch aufgebauter Theaterdramaturgie mit Elementen des modernen Gangsterfilms liegt.

/ gli