Seules les bêtes (2019)

Seules les bêtes (2019)

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  3. 117 Minuten

Filmkritik: Ab nach Abidjan

Le misérable
Le misérable © Filmcoopi

Irgendwo in der französischen Pampa verschwindet Evenyne Ducat (Valeria Bruni Tedeschi) spurlos. Von der Pariserin, die in der Gegend ein Ferienhaus besitzt, findet die Polizei nur noch das leere Auto. Schnell geraten der eigenbrötlerische Bauer Joseph (Damien Bonnard) und das Ehepaar Michel (Denis Ménochet) und Alice (Laure Calamy) in den Fokus der ermittelnden Polizei. Auch eine junge Frau aus Paris namens Marion (Nadia Tereszkiewicz), die gerade in einem Wohnwagen campiert, scheint irgendwie in die Geschichte involviert zu sein.

Rotjäckchen
Rotjäckchen © Filmcoopi

Tausende von Kilometern entfernt, in Abidjan, der grössten Stadt der Elfenbeinküste, schlägt sich Armand (Guy Roger 'Bibisse' N'Drin) durchs Leben. Er ist Vater einer kleinen Tochter, doch hat sich deren Mutter von ihm getrennt und sich einen reichen französischen Liebhaber geangelt. So hofft sie, ihrem Kind eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Doch Armand will nicht so schnell aufgeben. Er besucht einen Schamanen, der die Götter für ihn gnädig stimmen soll, damit er ein grosses Vermögen mache und seine Familie zurückerobern könne. Damit setzt er eine Kettenreaktion in Gang, deren Folgen sich bis in die Bauernhöfe der französischen Pampa auswirken.

Es hätte so gut werden können. Seules les bêtes bringt alle Ingredienzen mit für einen richtig feinen Spannungsfilm. Immerhin ist Regisseur Dominik Moll ein Spezialist des Genres. Doch leider stellt sich der Film selbst ein Bein. Einerseits erklärt er zu viel, was schon längst klar ist und lässt an anderen Stellen einige nicht ganz unwichtige Fragen offen. Ausserdem greift Moll bei einigen Storylines ein bisschen gar tief in die Klischeeschublade. Solide unterhaltsam ist sein Film aber trotzdem.

Twist-Fans kommen in Seules les bêtes gleich zweimal auf ihre Kosten - einmal ungefähr in der Mitte des Filmes, einmal ganz am Ende, in der letzten Szene. Während der Twist am Ende mehr die Funktion einer kleinen Pointe hat, ist derjenige in der Mitte der eigentliche Plot-Wendepunkt. Wer bis dato gut aufgepasst hat und die Genrekonventionen kennt, weiss im Ungefähren, wie sich die Geschichte etwa auflösen wird. Und die gesamte zweite Hälfte verbringt der Film dann damit, die Details ausführlich zu erklären, damit sie auch alle verstehen.

Die Spannung ist dann deshalb mehr oder weniger dahin, und leider greift der Film in dieser zweiten Hälfte auch sonst ziemlich arg in die Klischeekiste. Aus Spoilergründen soll hier nicht zu viel verraten werden, nur so viel: Im Hinblick auf gewisse Kommunikationsmethoden beweist der bald 60-jährige Dominik Moll eine doch eher altmodische Sichtweise - wobei altmodisch hier im negativen Sinn zu verstehen ist.

Das ist schade, denn Thriller kann Moll ja eigentlich ausgezeichnet inszenieren, das hat er mit Harry, un ami qui vous veut du bien oder Lemming bewiesen. Auch Seules les bêtes ist durchaus elegant erzählt: Indem er nach Rashomon-Vorbild der Reihe nach die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, baut er wirksam Spannung auf. Auch mit Musik und Bildern ist der Film stimmungsvoll in Szene gesetzt. Ein richtig schön altmodischer Thriller eben - und diesmal im positiven Sinn.

Und auch das Ensemble ist erstklassig: Damien Bonnard, der Good Cop aus Les misérables, Laure Calamy, die derzeit in unseren Kinos auch als Antoinette durch die Cevenne wandert, und die italienische Regisseurin und Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi sind etablierte Kinogrössen und harmonieren wunderbar mit den jungen Nadia Tereszkiewicz und Guy Roger 'Bibisse' N'Drin.

Auch dank ihnen bleibt der Film trotz aller Schwächen süffig und sehenswert - zumindest in der ersten Hälfte. In der zweiten hingegen häufen sich nicht nur die Klischees, sondern auch die «Plot Conveniences» und die Logiklücken: Storydetails, die sich der Film nicht die Mühe macht, genauer zu erklären. Insofern ist die eingangs erwähnte Schlusspointe durchaus folgerichtig für den ganzen Film: ein finales kleines Zaubertrickli, das für einen Moment Verblüffen schafft, jedoch auch sehr schnell wieder verpufft.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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