Suicide Tourist - Selvmordsturisten (2019)

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Filmkritik: No way back

Zurich Film Festival 2019
"Du schaffsch das!"
"Du schaffsch das!"

Max (Nikolaj Coster-Waldau) ist schwer krank: Er hat einen unheilbaren Gehirntumor, welcher ihn das Leben kosten wird. Das weiss er genau. Aber Max möchte dem Schicksal zuvorkommen und versucht sich mehrmals das Leben zu nehmen. Die Versuche scheitern immer aufs Neue, Max' Willenskraft ist einfach nicht stark genug und zudem denkt er stets an seine Frau Lærke (Tuva Novotny).

"Mir bleibt die Luft weg."
"Mir bleibt die Luft weg."

Als Max einen Anruf seiner früheren Kundin Alice (Sonja Richter) erhält, welche er früher als Versicherungsmakler betreut hatte, ändert sich sein Leben schlagartig: Alice erzählt ihm vom Verschwinden ihres Mannes. Um die Lebensversicherung für ihn ausbezahlt zu bekommen, müsste dessen Tod jedoch definitiv bestätigt werden. Max macht sich auf Spurensuche und findet eine heisse Fährte, welche sich in einem abgelegenen Berghotel namens "Aurora" verliert. Ein Hotel, welches begleiteten Suizid anbietet. Max meldet sich im "Aurora" an und muss merken, dass ein unterschriebener Vertrag mit dem Hotel nicht mehr rückgängig zu machen ist. Kann er dennoch entkommen?

Es ist eine einschneidende Entscheidung, welche die Figur Max im Film fällt. Nach wie vor ist Sterbehilfe in vielen Ländern gesetzlich verboten, dadurch entstand ein regelrechter Suizid-Tourismus in jene Länder, in welchen die Gesetzeslage es zulässt. Jonas Alexander Arnby nimmt sich dieser Thematik in Form eines aufregenden Thriller-Dramas an, in welchem er den Game Of Thrones-Star Nikolaj Coster-Waldau auf eine Reise mit absehbaren Ende schickt. Suicide Tourist überzeugt durch eine dichte Atmosphäre, stimmige Kulisse und Referenzen auf andere Genre-Beiträge, von Ex Machina bis hin zu Stanley Kubrick.

Jonas Alexander Arnby (When animals dream) schockt uns in seinem neusten Film Suicide Tourist mit einem packenden Mix aus Suspense, Thrill und Drama. Der Film beginnt mit einer auf Video aufgezeichneten Botschaft: "My name is Max, when you gonna see this, i will be dead". Darauf baut der Film schlussendlich auf und erzählt die Geschichte, wie es so weit kommen konnte. Und Arnby tut dies auf eine clevere Art und Weise, er lässt sich und dem Publikum genügend Zeit, um Max und seine Frau Lærke kennenzulernen.

Es sind ganz klar die Drama-Elemente, welche zu Beginn dominieren und zu einem intensiven Spannungsaufbau beitragen. Diese aufgebaute Spannung löst sich in einem fulminanten Finale auf, welches die Zuschauer etwas ratlos-perplex zurücklässt. Denn Arnby spielt während der gesamten Laufzeit des Filmes mit einer Ungewissheit in Bezug auf Realität/Fiktion: Immer wieder spielen sich Szenen ab, welche nicht eindeutig als real oder imaginär einzuordnen sind. Auch hier wird ein Stilmittel sehr intelligent eingesetzt, ist doch durch Max's Hirntumor nie wirklich sicher, was er sich nur einbildet und was wirklich so geschieht, was er sieht und wann ihn seine Sinne täuschen. Dadurch wirkt alles etwas "trippy", wie nach einer eingeworfenen bunten Pille oder einer warmen Tasse Mohn-Tee.

Der Kreis des Lebens und die Frage nach dem "richtigen" Zeitpunkt für ein Ende werden angesprochen. Wie geht man mit einer unheilbaren Krankheit um? Lohnt sich ein Weiterleben da noch? Und wie nimmt man endgültig Abschied? Hier hat der Film seine stärksten Momente, wenn Max realisiert, dass sein Leben endlich ist, wenn er versucht, dem Tod vorzugreifen und dabei merken muss, dass er doch noch irgendwie am Leben hängt, seine Willenskraft für den Suizid nicht ausreicht.

Optisch überzeugt Suicide Tourist durch atemberaubende Kulissen und Aufnahmen. Die mächtige, kühle Bergwelt, in deren Abgeschiedenheit das Hotel Aurora liegt, hat einen massgebenden Anteil an der spannungsgeladenen Atmosphäre. Die Unterwasser-Aufnahmen sind gestochen scharf, die Bergwelt überwältigend. Vogelperspektiven beim MRI-Scanning oder bei Autofahrten durch die menschenleere Natur werden als Stilmittel eingesetzt, um Max' momentane Situation zu definieren: Er ist den Fakten unterlegen, wird sich nicht dagegen wehren können und muss sich mit seinem bevorstehenden Schicksal abfinden. Der moderne Bau des Hotel Aurora, dessen tetragonale, flache Bauweise mit einer Mischung aus Beton und grossen Glasfronten, welche unglaubliche Blicke in die Natur zulassen, erinnert stets an Ex Machina. Das sich langsam entwickelnde, beklemmende Gefühl und die sich zuspitzenden, seltsamen Ereignisse, sorgen wahrlich für Unbehagen beim Publikum und lassen Erinnerungen an A cure for wellness erwachen.

Suicide Tourist ist somit kein leicht verdaulicher Film, der einfach abgehakt werden kann, sondern dürfte einen nachhaltigen Eindruck beim Publikum hinterlassen.

/ yab