Seberg (2019)

Seberg (2019)

Jean Seberg - Against All Enemies
  1. , ,
  2. ,
  3. 102 Minuten

Filmkritik: Vom Panther zur Paranoia

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Gerechtigkeit oder es knallt!
Gerechtigkeit oder es knallt! © Courtesy of TIFF

In Frankreich ist die amerikanische Schauspielerin Jean Seberg (Kristen Stewart) längst ein gefeierter Star. Als sie in ihre Heimat fliegt, um für einen neuen Film vorzusprechen, begegnet sie im Flugzeug dem Black-Panther-Mitglied Hakim Jamal (Anthony Mackie). Sie ist sofort angetan von dem politischen Revolutionär. Direkt nach der Landung solidarisiert sich die sozial engagierte Schauspielerin mit der Bewegung. Jean beginnt eine Affäre mit Jamal und unterstützt die Black Panther Party finanziell. Dadurch gerät sie in das Visier des FBI und dessen COINTELPRO-Programm.

Spitzel hinterm Spiegel?
Spitzel hinterm Spiegel? © Courtesy of TIFF

COINTELPRO ist darauf spezialisiert, politische Organisationen zu unterminieren und auszuhebeln. Das schliesst alle Sympathisanten besagter Organisationen mit ein. FBI-Agent Jack Solomon (Jack O'Connell) und sein Kollege Carl Kowalski (Vince Vaughn) bespitzeln Seberg und starten eine Rufmordkampagne gegen die Schauspielerin. Als Sebergs psychischer Zustand zunehmend unter den Angriffen leidet, beginnt Jack, die Mission zu hinterfragen.

Festivaldarling Kristen Stewart zeigt in der titelgebenden Rolle erneut, dass sie eine der interessantesten Schauspielerinnen ihrer Generation ist. Die Aura der echten Seberg kann sie zwar nie ganz einfangen, dennoch fühlt man mit ihrer Figur mit. Seberg hat eine spannende Story zu bieten, die vielen nicht bekannt sein dürfte, kratzt aber erzählerisch oft nur an der Oberfläche. Wer an dem Thema aber wirklich interessiert ist, liest im Anschluss am besten noch ein paar Artikel dazu.

Jean Seberg. Kultfigur der Nouvelle Vague. Weltbekannt für ihre Rolle in Jean-Luc Godards Breathless, die sich in das kollektive Gedächtnis der Kinozuschauer einbrannte. Keine leichte Aufgabe für Kristen Stewart, diese Ikone wieder zum Leben zu erwecken. Umso besser, dass es sich um kein Biopic handelt, sondern dass der Film auf die wohl tiefgreifendste Zeit in Sebergs Leben fokussiert. Zwar hat Stewart nicht die gleiche Ausstrahlung wie die Nouvelle-Vague-Ikone, doch stellt sie den psychischen Zerfall der Schauspielerin glaubhaft dar.

Jean ist aber nicht das einzige Opfer des Überwachungsprogramms COINTELPRO. Auch Jamals Familie droht an den Angriffen des FBI zu zerbrechen. Als seine Frau Dorothy (Zazie Beetz) erfährt, dass ihr Mann eine Affäre mit Jean hat, bezeichnet sie diese als "Touristin" in deren Leben. Während Jean jederzeit die Option hat, nach Paris zurückzukehren und ihr altes Leben wieder aufzunehmen, bleibt ihnen diese Möglichkeit vergönnt. Dem Drehbuchteam Joe Shrapnel und Anna Waterhouse (u.a. Race) gelingt es, diese komplizierte Problematik hervorzuheben, ohne dabei die Sympathien für Jean zu verspielen.

Trotzdem erreicht der Film nie die emotionale Zugkraft, für die die wahre Geschichte so viel Potenzial bietet. Das mag auch an der Storyline rund um den fiktiven FBI-Agenten Jack liegen, der sein Gewissen nicht mit seiner Arbeit vereinbaren kann. Als Sebergs Gegenstück angelegt, erfolgt seine Figurenentwicklung etwas zu sehr nach Schema F. Margaret Qualley, die in diesem Jahr in Once Upon a Time... in Hollywood begeistert, darf als Jacks Frau lediglich in ein paar typischen Hausfrauenszenen auftauchen. Hinzu kommt Vince Vaugn als FBI-Kollege Carl - ein Klischee-Arschloch, das alles dafür tut, Seberg zu Fall zu bringen und auch privat kein bisschen Sympathie trägt. Dieses Good-Cop/Bad-Cop-Element wirkt allzu schablonenhaft. Das Ziel der echten Jean Seberg war es, die Aufmerksamkeit auf die Probleme und Sorgen der afroamerikanischen Minderheit zu richten. So drängt sich die Frage auf, ob es nicht angemessener gewesen wäre, Figuren wie Jamal und Dorothy weiter in den Mittelpunkt zu stellen.

Wohin das Augenmerk aber auf jeden Fall fällt, sind Ausstattung und Kostüm. Set Designer Jamin Assa versetzt die Zuschauer stilsicher zurück in das Los Angeles der späten Sechziger - von Jeans gläsernem Haus in West Hollywood bis zu Jamals Nachbarschaft im berühmt-berüchtigten Compton. Hier prallen auch visuell Welten aufeinander.

Der Film bedient dabei Themen, die heute wie damals im Fokus stehen: Überwachung, Rassismus und das Verbreiten von Fehlinformationen. So mag man schockiert sein über die Methoden, die das FBI gegenüber Seberg und Co. anwandte. Noch beunruhigender aber ist er Gedanke, dass wir heute nicht viel weiter sind. Zwar entwickelt Seberg nie eine emotionale Sogwirkung, aber Jeans Geschichte stimmt nachdenklich und regt zum Nachlesen an.

Swantje Oppermann [swo]

Swantje ist seit 2013 Teil der OutNow-Crew. Zu ihren Lieblingen gehören «Jurassic Park», «When Harry Met Sally» und «Se7en». Bei «Titanic» muss sie noch heute heulen. Das Filmfestival Venedig liebt sie nicht nur wegen der Filme, sondern auch, weil dort der Aperol Spritz in rauen Mengen fliesst.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Instagram