Stitches - Savovi (2019)

Stitches - Savovi (2019)

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  2. 105 Minuten

Filmkritik: Mutter am Spinnrade

Zurich Film Festival 2019
Ein Zwischenraum, hindurchzuschaun
Ein Zwischenraum, hindurchzuschaun

Zum wievielten Mal sie wohl schon da steht, vor der grauen Blechwand, die zum Spital führt? Sie sieht eine Ärztin aus dem Auto steigen, folgt ihr mit Blicken. Dann macht sie sich auf den Heimweg. Ana (Snezana Bogdanovic) ist auf der Suche. Seit 18 Jahren schon. Und sie weiss, sie wird eines Tages fündig. Kurze Zeit später steht sie wieder einmal im Spital. «Hatten Sie hier je eine Leiche mit dieser ID?», fragt sie den Mann hinter dem Schalter. Der winkt ab. Zuhause backt sie einen Kuchen und steckt eine Kerze drauf. Ihre Tochter Ivana (Jovana Stojiljkovic) nimmt einen Bissen und verlässt wortlos das Esszimmer. Ihr Mann Jovan (Marko Bacovic) tut es ihr gleich.

Das Haus, das Verrückte macht?
Das Haus, das Verrückte macht?

Nun sitzt Ana in ihrer Schneiderstube. Während sie ihren Gedanken nachhängt, hackt die Nadel ihrer Nähmaschine in den Stoff. Plötzlich steht eine Frau vor ihr. Sie habe jemanden in der «Vereinigung» gefunden, der Ana helfen könne und schiebt ihr einen Zettel zu. Ana folgt den Angaben und macht dadurch eine Entdeckung, die sie völlig irritiert. Als sie ihrem Mann davon erzählt, schlägt der die Hände über dem Kopf zusammen. Sie habe ihm versprochen, damit aufzuhören, fährt er Ana an: «Oder willst du ins Irrenhaus kommen?»

Es sind schmerzhafte Stiche, die Stitches seiner Protagonistin zufügt. Die von ihnen hinterlassene Naht bildet die Grenze zwischen Wahn und Wahrheit, die bald auch den Zuschauer gefangen nimmt. Mittels einer spannenden Bild- und Tonsprache und von der toll aufspielenden Snezana Bogdanovic getragen, arbeitet dieser Thriller ein noch heute kaum greifbares und unaussprechliches Verbrechen des jugoslawischen Regimes auf.

Bereits nach der mutig umgesetzten Anfangsszene ist klar, dass dieser Film mit wenig gesprochenen Worten auskommt. Das Unsagbare vermittelt sich durch Snezana Bogdanovics Mikromimik; ihr innerer Kampf, der auf dem Boden der totalen Trostlosigkeit stattfindet, spiegelt sich in ihrem Äusseren. Dieses wiederum reflektieren die Räume, worin sie und ihre Familie sich bewegen. Die Umgebung spricht ihre eigene, eindringliche Sprache, genauso wie die Bilder und die zwischen aggressiv hellem Neon-Licht und trüben Sepiatönen pendelnde Farbsymbolik. Sie sind die fesselnde Grundlage, worauf nicht nur die Protagonisten gezielt mit Stichen versetzt werden.

Das Sounddesign unterstützt dies eindrücklich; wir spüren zwar die Nadel schmerzlos durch die Haut dringen und zucken doch zusammen, wenn sie einen wunden Punkt trifft. Es sind die kurzen Momente der Selbstbesinnung, die uns aus der Welt der von einer fixen Idee besessenen Ana reissen und erfahrbar machen, wie sensibel Wahrheit sein kann und wie behutsam Stitches Fakt und Fiktion vermischt. Dieser Film gibt Antworten, indem er Fragen aufwirft.

Stitches basiert auf wahren Begebenheiten. Mehr noch leistet er einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung von Gräueltaten des jugoslawischen Regimes während der Jugoslawienkriege, die zurzeit das filmische Schaffen im ehemaligen Krisengebiet prägen. So hat sich nicht nur Regisseur Miroslav Terzic bereits in seinem Vorgängerwerk Ustanicka Ulica mit solchen Kriegsverbrechen befasst, sondern auch der auftretende Pavle Cemerikic war schon in Teret zu sehen, einem stilistisch und thematisch verwandten Roadmovie, der seinen Protagonisten an die psychischen Grenzen führt.

Während dort ein ahnungsloser Trucker ein Verbrechen verdrängt, ist hier eine Schneiderin einem Verbrechen auf der Spur, weil sie keine Verdrängung zulassen will. Es handelt sich um ein Staatsverbrechen, dessen Auswirkungen sich heute nicht nur zeigen, sondern noch aktiv kaschiert werden. Tiefes Misstrauen gegen den Staat dringt in diesem Film durch. Während ältere Generationen darunter leiden, haben die Jungen davon keine Ahnung. Kaum einer arbeitet sie auf; also nimmt sich die Kunst ihrer an. Und sie tut es wie im vorliegenden Fall aufrüttelnd und beeindruckend.

/ arx