Die Rückkehr der Wölfe (2019)

Die Rückkehr der Wölfe (2019)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: The Wolf of Our Street

«Er hat das Herz auf dem rechten Fleck!»
«Er hat das Herz auf dem rechten Fleck!»

Auf der Alp Ramuz treibt Ueli Metz seine Schafe voran. Die Herdenschutzhunde, die die Dutzenden Tiere flankieren, sind aufmerksam. Sie bellen. Dazu sind sie da, denn seitdem in der Nähe Schafe von einem Wolf gerissen worden waren, pochte der Bund auf Herdenschutzmassnahmen. Trotzdem Metz diesen Forderungen nachging, fielen weiterhin regelmässig Schafe dem Beutegreifer zum Opfer. Als Metz abwägte, die Alp aufzugeben, bekam er finanzielle Unterstützung angeboten, um einen Hirten anzustellen - ausgerechnet von Wolfsfreunden.

Steppenwolf?
Steppenwolf?

Es ist nur eine von vielen Geschichten, die die natürliche Wiedereinwanderung des Wolfes in die Schweiz schreibt, doch es ist eine ungewöhnliche. Denn das politische Klima ist, was diese Thematik anbelangt, angespannt. Die einen sehen den Wolf als Bedrohung für Tier und Mensch, andere als ökologischen Segen. Je länger man sich die verschiedenen Meinungen anhört, desto vielschichtiger erscheint einem die Thematik und desto wichtiger ist es, sich auf Fakten zu besinnen - und nicht auf Märchen. Denn darin verliert der Wolf immer.

Diese Dokumentation über den Beutegreifer Wolf fasst vieles zusammen, was die Debatte um dessen Rückkehr nach Mittel- und Westeuropa prägt. Viele gute Gedanken werden hier nicht durch Polemik erstickt, sondern unaufgeregt dargelegt. Dass das Thema äusserst umfangreich ist, bekommt auch bald die Erzählweise zu spüren, die der Fülle schlicht nicht mehr Herr wird und eigenwillig zu springen beginnt. Zweifelsohne hätten dem Film eine konzisere Zuschauerführung und ein klarer Fokus gut getan.

Es fehlt nichts, was in einem Porträt über den polarisierenden Beutegreifer fehlen sollte. Die vielen Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Wolf werden ebenso thematisiert wie ihre kulturhistorische Beziehung. Ob nun Rotkäppchen oder Romulus und Remus, es wird deutlich, dass die Spezies Mensch der Spezies Wolf schon seit jeher mit ambivalenten Gefühlen begegnet ist. In diesem Sachverhalt, in dem nahezu jede Frage mit einem «ja, aber» beantwortet wird, ist es eine besondere Herausforderung, in 90 Minuten die Problematik auf den Punkt zu bringen. Das gelingt Regisseur Thomas Horat ganz ordentlich. Weil diese filmische Spurensuche aber an sich den Anspruch stellt, alles zu thematisieren, was den menschlichen Umgang mit dem Wolf betrifft, verliert er sich etwas in seiner mosaikhaften Erzählweise. Im Gegenzug animiert er einen dazu, in Sachen Raubtierökologie vernetzt zu denken.

Diese Tour d'Horizon kann somit das Wesentliche dieser inter-animalischen Beziehung nur streifen, schafft es aber nichtsdestotrotz en passant in die Tiefe zu gehen. Denn die Protagonisten haben allesamt pointierte und griffige Statements parat, die man allerdings gerne intensiver diskutiert gehört hätte. Fokus vermisst man auch dann, wenn Impressionen aus dem Ausland wiedergegeben werden. So erfährt man, dass sich in Österreich die Schafhalter vom Staat im Stich gelassen fühlen und dass in Bulgarien und Polen das Verhältnis zum Wolf ein anderes ist als in der Schweiz, da er in besagten Gebieten nie weg war. Solche Fässer werden zwar aufgemacht, deren Inhalt wird aber nur ansatzweise verarbeitet.

Immer mal wieder wird versucht, die Ressentiments des Menschen gegenüber dem Wolf in ihrer gemeinsamen Geschichte zu ermitteln. Wie schon in der jagdkritischen Dokumentation Auf der Jagd - Wem gehört die Natur? lenken auch die hier auftretenden Protagonisten den Blick auf die Gemeinsamkeiten der beiden Spezies, die in der pointierten Aussage des Biologen Kurt Kotrschal gipfelt: «Das Böse, das Menschen im Wolf sehen, ist ihr Spiegelbild.» Hart, aber fair - und sie zeigt, dass man den Wolf auch griffig debattieren kann, ohne dabei polemisch zu Werke zu gehen.

Seine Protagonisten sind dann auch das grosse Plus dieses Films. Eine besondere Erwähnung verdient sich dabei der Biologe des Bundesamtes für Umwelt, Reinhard Schnidrig, der mit seiner unaufgeregten Art und seiner Kompromissfähigkeit ein Segen nicht nur für Die Rückkehr der Wölfe, sondern auch für die Schweiz darstellt (umso erstaunlicher ist sein populistisch anmutendes Schlussvotum, mit dem er proklamiert, alle Wölfe, die Siedlungen zu nahe kommen, abzuschiessen). Ausserdem spürte Horat zwei Paare in den USA auf, die fernab der Zivilisation leben, in einem, so scheint es, der letzten Reduits der Weisheit. Einen eigenständigen Ansatz für das geregelte Zusammenleben von Wolf und Mensch bietet der Film schlussendlich nicht, ausser aufzuklären und Ruhe zu bewahren. Fürs Erste kann das sicherlich nicht schaden.

/ arx