Rocks (2019)

  1. 93 Minuten

Filmkritik: Ein kompetenter Film

Zurich Film Festival 2019
Im Hoch
Im Hoch

Teenager Shola (Bukky Bakray), von ihrem Umfeld nur "Rocks" genannt, lebt mit ihrem jüngeren Bruder Emmanuel (D'angelou Osei Kissiedu) und ihrer alleinerziehenden Mutter in einer Sozialwohnung in London. Trotz der nicht leichten Umstände zuhause scheint Rocks ein sorgenfreies Leben eines Teenagers zu führen. Sie hängt gerne mit ihren Freundinnen ab und ist auf den sozialen Medien äusserst aktiv. Dies ändert sich jedoch eines Tages, als sie von der Schule nach Hause kommt.

Girls just wanna have fun.
Girls just wanna have fun.

Ihre Mutter hat Geld und einen Zettel auf dem Küchentisch hinterlassen. Sie müsse weg und Rocks solle sich nun um Emmanuel und sich selbst kümmern. Die Tage vergehen, ohne dass sich die Mutter bei ihren Kindern meldet. Als langsam das Geld ausgeht und die Stadt wegen der unbezahlten Rechnungen den Strom in der Wohnung abstellt, wird Rocks immer mehr in die Ecke gedrängt und beginnt, schwerwiegende Entscheidungen zu fällen.

Rocks erzählt die Geschichte eines Teenagers, der auf einen Schlag erwachsen werden muss. Regisseurin Sarah Gavron setzt auf viel Realismus à la Ken Loach, doch ihr kompetent gemachter Film schafft es nicht, die ganz grossen Gefühle bei den Zuschauern auszulösen. Ein Film, nach dem dem man sagt: "war noch gut", den man aber innert kürzester Zeit wieder vergessen hat.

Ganz wie Ken Loach taucht auch Suffragette-Regisseurin Sarah Gavron hier in das normale Leben ein. Wo bei Loach jedoch meist weisse, erwachsene Engländer der Arbeiterklasse im Mittelpunkt stehen, ist es bei Rocks der Blick auf eine junge Nigerianerin in ihren Teenagerjahren, die plötzlich für sich selbst und ihren Bruder sorgen muss.

Doch ansonsten folgt Gavron hier dem Schema des Kitchen-Sink-Dramas. Verständliche Situationen, Lokalkolorit, ein wenig Humor und einiges an Dramatik. Das ist keinesfalls schlecht, jedoch nicht wirklich neu oder überraschend. Die Schauspieler, viele davon in ihren ersten Leinwandauftritten, sind sympathisch, wobei D'angelou Osei Kissiedu als kleiner Bruder der titelgebenden Rocks immer wieder mit seiner entwaffnenden Direktheit den anderen die Show stiehlt.

Über Rocks zu schreiben, ist insofern etwas mühsam, da es einer dieser Filme ist, die kompetent umgesetzt sind und mit dem Verlauf der Story zu überzeugen wissen. Aber kompetent bedeutet nicht meisterhaft. Es fehlt dem Ganzen das gewisse Etwas, damit es aus der Masse herauszuragen mag. Vergebens wartet man auf die Tränen, die vergleichbare Filme wie I, Daniel Blake, Fish Tank oder ein Capharnaum ausgelöst haben. Letztgenannter Film kommt einem sofort in den Sinn, wenn Rocks und Emmanuel notgedrungen in der Nacht herumlaufen müssen, um einen Schlafplatz zu finden. Labakis Film war jedoch deutlich niederschmetternder als es Gavrons Werk je sein könnte, da die Regisseurin mit ihren Drehbuchautoren Theresa Ikoko und Claire Wilson hier ein Sicherheitsnetz aus Freunden und sozialen Einrichtungen unter der taumelnden Titelfigur gespannt hat. So gibt es hier viel Realismus (England ist halt nicht der Libanon) und Gavron gelingt es so auch das Pathos zu umkurven. Doch die fehlende Härte in Bezug auf die Geschichte macht Rocks so zu einem Film, den man zwar nicht unbedingt bereut gesehen zu haben, dessen Inhalt aber auch nicht lange im Gedächtnis bleibt.

/ crs