Radioactive (2019)

Radioactive (2019)

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  2. 103 Minuten

Filmkritik: Die forsche Forscherin

Zurich Film Festival 2019
Cone Girl
Cone Girl

Ende des 19. Jahrhunderts kommt die hochintelligente Maria Sklodowska (Rosamund Pike) von Polen nach Paris, um an der renommierten Sorbonne-Universität Physik zu studieren. Dort gerät sie allerdings bald mit den Oberen der Universität um Professor Lippman (Simon Russell Beale) aneinander. Diese erkennen zwar ihr Talent, doch tritt ihnen die junge Frau im Altherrenclub etwas allzu selbstbewusst auf. Eines Tages lernt Maria ihren Kollegen Pierre Curie (Sam Riley) kennen, auch er ein Aussenseiter in der wissenschaftlichen Szene. Die beiden werden erst ein Forschungspaar, später auch ein Liebespaar.

Maria und Pierre können schon bald aufsehenerregende Forschungsergebnisse präsentieren. So gelingt es ihnen, zwei neue Elemente zu entdecken: Polonium und Radium. Ausserdem können sie beweisen, dass instabile Atomkerne ionisierende Strahlung aussenden und dabei ihren Zustand ändern können - ein Phänomen, das sie «Radioaktivität» nennen. Diese bahnbrechenden Resultate bringen dem Paar die Anerkennung, die ihm zuvor verwehrt blieb. Allerdings befällt Marie auch eine dunkle Vorahnung über die weitreichenden Folgen ihrer Entdeckung.

Rosamund Pike in der Rolle von Marie Curie unter der Regie von Marjane Satrapi - eine vielversprechende Konstellation. Leider hält diese nicht ganz, was sie verspricht. Der Film punktet mit seiner guten Hauptdarstellerin und einigen originell animierten Sequenzen, schwächelt aber am zu fantasielosen und vorhersehbaren Drehbuch, das der berühmten Forscherin nur ansatzweise gerecht wird. Radioactive ist ein enttäuschend konventionelles Biopic über eine unkonventionelle Frau.

Gäbe es eine Anleitung für das Drehen eines Standard-Biopics, stünde im ersten Kapitel wohl ungefähr Folgendes: «Die Hauptperson erscheint hochbetagt auf der Leinwand. Ein bestimmtes Ereignis oder Erlebnis lässt in ihr die Erinnerung an die jungen Jahre aufkommen. Überblende zur Hauptperson in jungen Jahren, deren Leben fortan erzählt wird. Am Schluss dann wieder Schnitt zurück in die Gegenwart.» Diese bewährte Rahmenhandlung ist gefühlt schon hundertmal angewendet und in Walk Hard gekonnt parodiert worden.

Radioactive hält sich punktgenau an diese Konvention. Und das ist auch bereits die erste grosse Enttäuschung für die Zuschauer. Denn die Regisseurin Marjane Satrapi ist sonst eigentlich durchaus für erfrischende Ideen jenseits der gängigen Erzählmuster bekannt, sei es die sprechende Katze in The Voices, sei es ein Blick in die Zukunft im Sitcom-Stil in Poulet aux prunes. Ebenfalls fast gänzlich verzichtet Satrapi in diesem Film auf ihren schwarzen und manchmal makaberen Humor, der ihre bisherigen Werke immer wieder durchzogen und für einen angenehmen Kontrast zu den häufig ernsten Geschichten gesorgt hat.

So verbleibt von ihren bekannten Stilmitteln nur noch das wohl einprägsamste: die animierten Sequenzen, sozusagen ein Markenzeichen der gelernten Comiczeichnerin. Radioactive hat davon die eine oder andere zu bieten, was nicht erstaunt, beruht der Film doch wie schon Persepolis und Poulet aux prunes wieder auf einer Graphic Novel. Allerdings stammt diese hier nicht aus Satrapis Feder, sondern aus derjenigen von Lauren Redniss.

Diese animierten Elemente sind auch diesmal wieder sehr schön anzuschauen und bieten eine wohltuende Abwechslung vom Biopic-Standard. Leider sind sie aber nicht sehr virtuos in die Erzählung eingeflochten und wirken ein wenig wie Fremdkörper. Ähnliches lässt sich sagen über die immer wiederkehrenden Sprünge in die Zukunft, in denen die Folgen von Marie Curies Forschung gezeigt werden. Diese rettete auf der einen Seite unzählige Leben (durch die Röntgenstrahlung), kostete auf der anderen Seite aber auch Tausende (durch die Atombombe und Tschernobyl). Solche Szenen deuten Satrapis Kreativität an, allerdings scheint die Regisseurin hier ein wenig gefangen in den Zwängen eines Biopics.

Immerhin kann sie dabei aber auf Rosamund Pike zurückgreifen, die für die Rolle der Doppel-Nobelpreisträgerin Marie Curie wohl die Idealbesetzung ist. Die 40-jährige Britin ist genauso überzeugend als junge Studentin wie auch als lebende Legende im fortgeschrittenen Alter. Ein würdiges - und auch längst überfälliges - Porträt einer etwas kratzbürstigen, aber eben auch brillanten Frau, die in der männerdominierten Wissenschaft um die Jahrhundertwende im Hinblick auf die Gleichberechtigung Pionierarbeit geleistet hat und gleichzeitig für eine Revolution in der Physik gesorgt hat. Gleiches kann man für diesen Film nicht behaupten: Dieser erfindet das Biopic-Genre definitiv nicht neu.

/ ebe

Trailer Englisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:07