Balloon - Qi qiu (2019)

Balloon - Qi qiu (2019)

  1. 102 Minuten

Filmkritik: Kinder, Kondome bläst man nicht auf!

Endlich mal richtige Ballons
Endlich mal richtige Ballons © Xenix Filmdistribution GmbH

Tagsüber lässt Darje (Jinpa) einen Bock auf seine Schafe los, damit diese trächtig werden. Des Nachts muss sich Ehefrau Drolkar (Sonam Wangmo) ihrem Mann zur Verfügung stellen, damit dieser seine zweite Jugend ausleben kann. Doch aufgrund der eingeführten Einkindpolitik müssen sie auf ihre Verhütung achten. Doch schlecht versteckte Kondome sind vor ihren Kindern nicht geschützt und werden innert kürzester Zeit zu Luftballons umfunktioniert.

Warum so ernst?
Warum so ernst? © Xenix Filmdistribution GmbH

Aber nicht nur die politischen Zustände erschweren das Familienleben. Auch die gelebte Spiritualität gerät mit moderner Wissenschaft in Konflikt. Während der Grossvater (Konchok) unbedingt an eine Widergeburt glaubt, möchte sich Drolkar am liebsten sterilisieren lassen. Aber schon bei ihrer Schwester (Yanshik Tso) stösst sie nur bedingt auf offene Ohren. Diese lebt schliesslich seit Jahren als Nonne in einem Kloster und hat eine eigene Vergangenheit, mit der sie sich zurechtfinden muss.

Man könnte Regisseur Pema Tseden vorwerfen, aufgeblasen zu sein. Die Themen Spiritualität und Realität, Tradition und Moderne in einem Film zu behandeln, wirkt wie der Versuch, ein unruhiges Schaf innerhalb einer Herde zu fangen. Doch dieser Wurf gelingt ihm, zumindest auf der bildsprachlichen Ebene. Doch auch wenn alle Figuren ihre Tugenden und Laster haben, fehlt Balloon Emotionalität und Spannung, die den Filmgenuss noch verstärkt hätten.

Schon vor über zweihundert Jahren galt das Mittelalter mit all seinen religiösen und spirituellen Glauben und Aberglauben als die dunkle Zeit. Licht und Helligkeit standen hingegen für das wissenschaftliche und humanistische Denken. Balloon versucht diesen Gegensatz, der in vielen Menschen schlummert, aufzulösen. Einerseits gelingt dieses Vorhaben, andererseits, ironischerweise, scheitert es.

Bereits in der ersten Szene zeigt sich das Verschwimmen zwischen den beiden Polen auf originellste Weise, indem das Geschehen durch ein aufgeblasenes Kondom gefilmt wird. Ähnlich wie die Kinder mit den Kondomen, spielt Balloon mit Bildern. Teils sind diese verschwommen, teils ganz klar, aber immer entsprechend den Gedanken der jeweils präsenten Figuren. Auch das Spiel mit Licht und Feuer unterstützt die Fragestellung des Films, Glauben oder Wissenschaft, Spiritualität oder Realität? Und zur Handlung und Kulisse passende Grenzen wie ein Wasserbecken oder Zaun verstärken diesen (verschwommenen) Kontrast.

Dazu passt die Figurenzeichnung. Keinem der Hauptcharaktere fehlt es an differenzierten Charakterzügen, alle haben ihre Makel und Macken. Unabhängig von den Überzeugungen der Personen lässt sich so deren Handeln nachvollziehen. In diesem Sinne erscheint Balloon definitiv realitätsnah.

Jedoch täuschen die Bildsprache und Charaktere nicht über die mangelnde Emotionalität und Spannung hinweg. Obschon die Motivation aller klar dargelegt wird, baut sich keine wirkliche Spannung auf. Möglicherweise lässt sich dies mit den kulturell-spirituell stark verwurzelten Figuren erklären, die nicht sämtliche Gefühle nach aussen tragen. Und die gewichtigste Thematik erst im letzten Drittel des Films aufzugreifen, fördert das Kribbeln im Bauch nicht wirklich.

Licht und Schatten gibt es somit nicht nur in der Menschheitsgeschichte, sondern auch in Balloon. Im Licht erstrahlen vor allem die Bilder und Aufnahmen, häufig wortwörtlich, und schweben wie ein mit Helium gefüllter Ballon der Sonne entgegen. Das Prädikat «sehenswert» passt also. Im schattigen Abseits liegen dafür die Emotionen und die Spannung wie ein Ballon, aber ein zerplatzter. Und wie steht es nun um die Spiritualität und Realität; welche Antwort liefert der Film? Diese Antwort lässt sich nicht genau eingrenzen. Oder doch?

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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