Poissonsexe (2019)

Poissonsexe (2019)

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  3. 88 Minuten

Filmkritik: Forscher, ledig sucht... Fisch!

NIFFF 2020
Da gucken zwei blöd aus der Wäsche
Da gucken zwei blöd aus der Wäsche © NIFFF

Atlantik-Küste in Frankreich, nahe Zukunft: Die Meere sind beinahe ausgefischt. Der Atlantik ist voller Plastikmüll, ein einziger, letzter Blauwal zieht einsam seine Kreise. Im kleinen Dorf Bellerose wird Forschung mit den letzten zwei Exemplaren von Zebrafischen betrieben, mit dem Ziel, diese zur Paarung und somit zur Vermehrung zu bringen. Hier lebt und arbeitet der alleinstehende Mittvierziger Daniel (Gustave Kervern). Der Wissenschafter gehört dem Forscherteam um Eeva Kukkola (Ellen Dorrit Petersen) an, welches sich für den Fortbestand der Fische einsetzt.

Doch Daniel ist einsam, er möchte gerne eine Familie und sogar ein Kind. Das nötige Kinderzimmer hat er in seinem Haus bereits eingerichtet, nur fehlt ihm noch die passende Frau dafür. Seine Arbeitskollegin Bao (Okinawa Valérie Guerard) meldet ihn bei einem Online-Datingportal an, wo Daniel auch bald eine Nachricht von der geheimnisvollen «Full Moon» erhält. Im lokalen Mini-Supermarkt arbeitet Lucie (India Hair), welche sich mehr und mehr auch für Fische zu interessieren beginnt. Daniel und Lucie treffen täglich aufeinander, da er im Supermarkt seinen Kaffee trinkt. Als die beiden zusammen einen lebenden Axolotl fangen, entdeckt Daniel nicht nur eine noch lebende Spezies, sondern auch die Liebe.

Die Paarung ist nicht nur für das letzte Paar Zebrafische kein leichtes Unterfangen, mindestens genauso unglücklich bemüht ist der Hauptcharakter in Poissonsexe bei der Partnersuche. Olivier Babinet inszeniert eine rasante, übermütige Komödie, welche vom Hauptdarsteller und der Hauptdarstellerin getragen wird, aber dennoch auch einigen kurligen Nebencharakteren Platz lässt. Im Fokus steht aber die Message, welche während des gesamten Filmes nicht zu kurz kommt: Das Sorgetragen vom Menschen zu seiner Umwelt. Eine kurzweilige schräge Rom-Com!

Poissonsexe ist der dritte Langfilm von Olivier Babinet. Der Franzose nimmt sich einer skurrilen Rom-Com an, die eine Geschichte mit sozialkritischem Inhalt erzählt. So bestehen zwei geschickt verwobene Storystränge, welche langsam zusammengeführt werden: die Thematik des Fischsterbens, der leeren, vermüllten Ozeane, und die Einsamkeit des Hauptcharakters, gewissermassen dessen Bedürfnis nach Liebe. Hier wird also ein brandaktuelles Thema (Ökologie) verwertet, was dem Film wesentlich mehr Tiefe verleiht, als das bei den sonst üblichen Genre-Vertretern der Fall ist.

Das Ganze wird dabei so überzogen umgesetzt, dass es beinahe an Quentin Dupieux' Filme (Wrong, Le Daim) erinnern könnte: Es treffen beinahe nur seltsame, karikierte Charaktere aufeinander, was zu noch seltsameren Verhalten und Aktionen führt. So sorgt diese aussergewöhnliche, schwarzhumorige Komödie für manches Kopfschütteln oder erstauntes Lachen.

Die Hauptrollen werden überzeugend überzogen gespielt von Gustave Kervern und Indira Hair, welche daran sichtlichen Spass hatten. Mit ihren lieblichen Charakteren auf der Suche nach sich selbst und dem Platz in der Gesellschaft und Nähe stehen sie in krassen Kontrast zu der von Ellen Dorrit Petersen kühl und äusserst rational inszenierten Eeva.

Die Geschichte bleibt stets spannend und unterhaltsam, weist keine merklichen Längen auf, es wird den Zuschauern genügend Zeit gelassen, die Charaktere kennenzulernen. Zwischendurch geschieht immer mal wieder etwas Merkwürdiges, was zum Schmunzeln bringt: Eine Autopanne verhindert erfolgreich ein Date, die Frau von der Dating-Plattform ist doch nicht ganz so fremd oder die Kinderplanung erfolgt einfach viel zu rasant. Szenen, welche definitiv an Dupieux' seltsamen, trockenen Humor erinnern (beispielsweise wenn es in Wrong im Büro regnet). Teilweise sind die verwerteten Ideen aber auch etwas zu abgefahren und überspannen den Bogen des guten Geschmackes.

Auch optisch weiss Poissonsexe zu gefallen mit wunderbaren Drohnenaufnahmen (passend zu den Methoden, welche im Film thematisiert werden) und interessanten Close-ups von den Fischen. Insgesamt wirkt die Farbgebung der Settings und Kostüme sehr harmonisch, eingeschobene Vergrösserungen von mikroskopierten Zellen erinnern gar entfernt an The Tree Of Life. Poissonsexe ist gleichermassen unterhaltsam und seltsam, aber auf jeden Fall sehenswert!

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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