Pinocchio (2019)

Pinocchio (2019)

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  2. 125 Minuten

Filmkritik: Gegen die Wand

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
"Ich dachte immer, dass Lügen kurze Beine haben ..."
"Ich dachte immer, dass Lügen kurze Beine haben ..." © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Gepetto (Roberto Benigni) ist ein armer Tischler, der noch nicht mal Geld für Essen hat. Als er auf einen Wanderzirkus trifft, der mit Holzmarionetten arbeitet, hat er eine Idee für ein neues Projekt. Durch seinen Freund Antonio kommt er an besonders schönes Stück Holz und beginnt daraus einen Jungen aus Holz zu schnitzen, den er Pinocchio (Federico Ielapi) tauft. Die Puppe erwacht überraschend zum Leben und Gepetto ist überglücklich, einen echten Jungen zu haben. Doch Pinocchio hat anderes im Sinn und statt als braver Junge zur Schule zu gehen, reisst er aus.

The Fountain?
The Fountain? © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Das ist der Beginn eines ereignisreichen Abenteuers quer durchs Land, bei dem viele Figuren seinen Weg kreuzen: das Gaunerduo Fuchs (Massimo Ceccherini) und Katze (Rocco Papaleo), eine sprechende Grille, die weise Fee oder ein grosser Wal. Derweil verlässt Gepetto sein Dorf, um nach seinem Jungen zu suchen. Im Magen des Wals treffen beide nach langer Zeit wieder aufeinander und können flüchten. Nachdem Pinocchio verspricht, nun immer ein braver Junge zu sein, erwacht er eines Tages plötzlich als Mensch aus Fleisch und Blut.

2002 führte Roberto Benigni Regie und übernahm gleichzeitig die Hauptrolle in seinem Film Pinocchio. In der Neuverfilmung von Matteo Garrone ist er wieder mit dabei, in der Nebenrolle des Gepetto. Erzählt wird die Geschichte der bekannten Marionette, die erst zahlreiche Abenteuer erleben muss, um zu lernen, dass gutes Benehmen und Miteinander am wichtigsten sind. Dieser neusten Umsetzung fehlt allerdings leider jegliche Emotion und Wärme, und sie ist zu kalt für einen Kinderfilm.

Es hätte so ein schöner Moment sein können für die Zuschauer. Wenn die letzten Holzspäne zu Boden fallen, steht Geppeto vor seinem Meisterwerk, einem Jungen aus Holz. Recht kurz nach Beginn des Films gibt es diese Szene zu sehen und schon da hat man eigentlich keine Lust mehr, weiterzuschauen. Denn der vorherige längere Auftritt von Gepetto, zu laut und zu überdreht, geht schon gehörig auf die Nerven.

In der dreissigsten Verfilmung des bekannten Kinderbuchs «Pinocchio» von Carlo Collodi macht Regisseur Matteo Garrone alles richtig und doch auch alles falsch. Getreu der Vorlage arbeitet er so gut wie jede Station von Pinocchios Reise quer durchs Land ab und bietet dabei rein gar nichts Neues. Seltsam altbacken und konservativ ist dieser Kinderfilm in der heutigen Zeit, mit einem verstaubten pädagogischen Hintergedanken. «Wenn du nicht gehorchst, dann bist du böse und kein gutes Kind». Das stimmt zwar irgendwie auch heute noch, aber es ist schon arg drastisch, den Jungen dafür am Baum aufzuhängen oder in einen Esel zu verwandeln. Dem nicht genug, ist diese Verfilmung ungemein hektisch, zu grell im Auftritt fast jeder Figur, insbesondere bei Gepetto. Den alten Mann sollte man eigentlich mögen, hier ist man seiner nur überdrüssig.

Handwerklich ist an Garrones Film nichts auszusetzen. Er ist top ausgestattet, interessante Kostüme und tolle Aufnahmen der italienischen Landschaft sind zweifelsfrei schön anzuschauen. Aber allem fehlt Leben, wird doch dem altertümlichen Umfeld, in dem der Film spielt, zu viel moderne Technik entgegensetzt. Statt konsequent dabei zu bleiben, die Figuren, denen Pinocchio auf seinem Abenteuer begegnet, zu kostümieren, wird nur allzu oft am Computer bearbeitet. So gibt es neben Fuchs und Katze in niedlicher Verkleidung Fisch oder Schnecke mit menschlichen Gesichtern und animierten Körpern, die einfach nur grotesk sind. Alles Märchenhafte, Bezaubernde bleibt dabei völlig auf der Strecke. Gar nicht erwähnen mag man Pinocchios gruseliges Holzgesicht, creepy statt liebevoll, harte Kanten statt weicher Züge.

Pinocchio hakt alles ab, was die Vorlage zu bieten hat. Es gibt aber nix Neues, Überraschendes und vor allem nichts Verzauberndes an diesem Film. Emotionen entwickelt man für keine der Figuren, ob Mensch oder Maschine. Wenn es ein Märchen sein soll, dann nur ein gruseliges. Das ist sehr schade für einen Kinderfilm, der wesentlich mehr Potenzial geboten hätte.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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