The Perfect Candidate (2019)

The Perfect Candidate (2019)

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  2. 101 Minuten

Filmkritik: Viso kein Visa?

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Das Auto war ziemlich Tür
Das Auto war ziemlich Tür © Courtesy of TIFF

Maryam (Mila Al Zahrani) hat es als Frau in ihrem Beruf nicht leicht. Als Ärztin in einer kleinen Klinik in Saudi Arabien wird sie weder von ihren Mitarbeitern noch ihren Patienten so richtig akzeptiert. Hinzu kommt der miserable Zustand der Notfallstation, zu welcher nicht einmal eine geteerte Strasse hinführt. Sie beschliesst, sich auf eine attraktivere Stelle im verhältnismässig offenen Dubai zu bewerben. Am Flughafen angekommen, muss sie jedoch erfahren, dass ihr Reisevisum abgelaufen ist. Ohne die Zustimmung ihres Vaters, der gerade mit seiner Folklore-Musiktruppe auf Tour ist, kann sie es unmöglich verlängern. Ihre letzte Hoffnung ist ein guter Freund ihres Vaters, der in einem Wahlbüro arbeitet. Um überhaupt in sein Büro eingeladen zu werden, muss sie sich jedoch als Kandidatin einer lokalen Wahl aufstellen lassen.

Mit dem Visum klappt es trotz ihrer Bemühungen nicht, doch beschliesst Maryam mit Hilfe ihrer beiden jüngeren Schwestern, die Wahlkampagne dennoch durchzuziehen. Obwohl sie weiss, dass die Teilnahme einer Frau einen regelrechten Skandal bewirken könnte, beharrt sie auf ihrer Kandidatur mit dem Ziel, die Zufahrt zu ihrer Klinik endlich teeren lassen zu können und zeitgleich den Respekt zu gewinnen, der so vielen Frauen in ihrem Lande verwehrt bleibt. So versucht sie aus dem ihr aufgezwungenen Rollenbild auszubrechen und die Ungerechtigkeiten mit lauter Stimme anzusprechen.

Haifaa Al Mansour hat mit The Perfect Candidate nicht nur einen nachdenklichen Film über eine Kultur gedreht, die vielen weit entfernt scheint, sondern erzählt auch eine breit zugängliche Geschichte mit einer starken Hauptfigur. Das Plädoyer für Fortschritt und Gleichberechtigung ist auch in unseren Breitengraden relevant. Der Film ist zwar kein Feelgood-Movie, lässt aber immer wieder kleine, aber helle Hoffnungsschimmer aufblitzen. Man wünscht sich, starken Menschen wie Maryam würde die Chance offenstehen, die Welt zu verändern, doch am Schluss bleibt eine gewisse, bittere Ernüchterung.

Zurück von ihrem mässig erfolgreichen Hollywoodausflug mit Mary Shelley ist Wadjda-Filmemacherin Haifaa Al Mansour wieder nach Hause zurückgekehrt. Die erste Regisseurin Saudi Arabiens behandelt in dieser deutsch-arabischen Koproduktion die Unterdrückung der Frau und die Sturheit der patriarchischen Strukturen ihres Heimatlandes. Obwohl das Thema mit Ernsthaftigkeit angegangen wird, vergisst sie nicht, eine unterhaltsame Geschichte mit einer starken Hauptfigur zu erzählen, die auch hierzulande top funktioniert.

Mit Mila Al Zahrani hat sich Mansour eine charismatische Hauptdarstellerin mit Filmstarqualitäten ins Boot geholt. In ihren aufbrausenden Szenen ist sie ebenso glaubwürdig wie in ruhigeren Momenten. Ihr zur Seite stehen Social-Media-Star Dhay und Musiker Khalid Abdulrahim in seiner ersten Schauspielrolle. Seine Nebengeschichte als liberaler Vater, der durch die Tour seiner Band Maryam nicht unterstützen kann, bremst den Fluss der Handlung immer wieder. Dennoch ist seine Rolle eine wichtige und zeigt faszinierend auf, wie auch er als Mann nichts gegen die tief verinnerlichten Ansichten seiner konservativeren Kollegen unternehmen kann. Der Film vermittelt eine Hilflosigkeit, die traurig stimmt und zeigt gleichzeitig das enorme Potenzial, das Frauen wie Marzam in sich tragen. Leider bleibt ihnen verwehrt, dieses auszuschöpfen.

Während sich der bei Film der einen Nebengeschichte zu viel Zeit nimmt, geht es dann wieder zu schnell vorwärts. Beim emotionalen Ende hingegen dürften solche kleine Aufreger wieder vergessen sein. Den Kinosaal kann man mit viel Diskussionsstoff wieder verlassen. Mansour packt eine Dichte an wichtigen Themen in dem ersten vom neuen Saudi Film Council unterstützten Film. Bleibt die Hoffnung, so gering sie auch sein mag, dass der Film dort gesehen wird, wo es am dringendsten nötig wäre.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:02