Pavarotti (2019)

Pavarotti (2019)

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  3. 114 Minuten

Filmkritik: Big Luciano und das hohe C

Zurich Film Festival 2019
Seid umschlungen, Millionen!
Seid umschlungen, Millionen!

Ron Howard erzählt das Leben von Luciano Pavarotti in drei Akten. Einer der grössten Tenöre aller Zeiten begann seine Karriere als Volksschullehrer und sang mit seinem Vater als Hobby in einem Chor. Der erste Preis an einem Wettbewerb legte den Grundstein für diese atemberaubende Karriere. Beinahe beiläufig kletterte er Stufe um Stufe die Leiter eines Weltklassetenors hoch. Der zweite Akt zeigt die Entwicklung Pavarottis vom Opernsänger zum Popstar, der nicht nur Konzertsäle füllte, sondern ganze Fussballstadien. Als die drei Tenöre erreichten Luciano Pavarotti, Placido Domingo und José Carreras unter der Leitung von Zubin Mehta Weltruhm.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Der dritte Akt zeigt schliesslich, wie sehr Pavarotti bestrebt war, notleidenden Kindern zu helfen. Mit einem entwaffnenden Charme motivierte er Popstars wie Bono für seine Kooperationen, die zum Format «Pavarotti & Friends» führten. Unzählige Wegbegleiter von Luciano Pavarotti kommen zu Wort. Seine beiden Ehefrauen geben einen Einblick in sein Leben und haben dem Regisseur eine grosse Menge von Videomaterial aus ihrem privaten Archiv zur Verfügung gestellt.

Hauptdarstellerin dieses Filmes ist die glasklare Reinheit der Stimme von Luciano Pavarotti, die mit tragender Leichtigkeit beinahe endlos klingt. Ron Howard zeigt einen Geniesser und Lebemann voller Selbstzweifel, der sich seiner Fehler und menschlichen Grenzen durchaus bewusst ist. Die Archivaufnahmen sehen aufgrund ihres Alters meist sehr handgemacht aus, doch die Tonspur haut die Zuschauer von der ersten Minute an aus den Socken.

Ron Howard erzählt ungeschönt und ohne Wertung, wer Luciano Pavarotti war. Seine Lebensfreude war aufrichtig und intensiv. Sein spitzbübisches Wesen und sein entwaffnendes Lächeln öffneten ihm unzählige Türen, aber er ging bisweilen naiv damit um. Wenn sein Label Decca ihn darauf hinwies, dass er mit einem Exklusivvertrag nur mit ihnen Aufnahmen machen durfte, quittierte er das mit folgender Aussage: «Das Leben ist zu kurz.» Luciano Pavarottis Ehefrauen und Affären erzählen im Gespräch mit Ron Howard ganz aufrichtig und unverblümt, wie das Leben mit ihm war. Luciano Pavarotti war ein Geniesser in jeder Hinsicht, und die Zuschauer sehen in diesen Szenen auch die Schattenseiten davon. Wenn er jedoch mit einem Fahrrad lächelnd in China umherfuhr oder in einer Talkshow zeigte, wie er seine Lieblingspasta kochte, fällt auf, wie viel Freude er mit seinem Lebensgenuss versprühte.

Eine weitere Hauptrolle dieses Films ist der Klang. Der Toningenieur und dreifache Oscargewinner Chris Jenkins vereinte in den legendären Abbey Road Studios Pavarottis Stimmgewalt mit der Surround-Technik von Dolby Atmos. Er nahm separate Tonspuren von Pavarottis Gesang und von den Orchestern auf. Mit zwölf Mikrofonen, die überall im Studio verteilt waren, simulierte er den Raumklang in einem Filmtheater. So kommt der Klang den Originalaufnahmen sehr nahe, hat aber eine zusätzliche Tiefe, die die Zuschauer und Zuhörer in ihren Bann zieht.

Ron Howards Entdeckungsreise zum Ursprung von Pavarottis Stimmvolumen ist ein weiterer Höhepunkt dieses Werks. Ganz beiläufig erzählte Big Luciano, dass die Sopranistin Joan Sutherland ihn gelehrt habe, richtig zu atmen. Während einer Opernarie habe er sie umarmen müssen und die Muskeln ihres Zwerchfells gespürt. Das klingt fast schon banal, aber wenn die Arie «Pour mon âme quel destin» von Donizettis Oper «La fille du régiment» erklingt, hören alle im Kino die pure Magie in Pavarottis Stimme.

Ron Howard zieht den Hut vor dem hohen C und kann es trotzdem nicht ergründen. Dieser eine Ton behält etwas Geheimnisvolles. Auch Pavarotti selbst war in dieser Hinsicht bescheiden und konnte nie genau sagen, warum ihm diese Klänge mit einer solchen Leichtigkeit gelangen. Seines Volumens wurde sich Luciano Pavarotti übrigens besonders in der Schweiz bewusst. Bei einem Auftritt im Opernhaus Zürich passte er nicht durch die Drehtür am Künstlereingang und musste sich per Gabelstapler die Laderampe hochhieven lassen.

/ gia