The Painted Bird (2019)

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Filmkritik: Odyssee des Grauens

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Betreten auf eigene Gefahr
Betreten auf eigene Gefahr

Ein Junge (Petr Kotlár) wird während des Zweiten Weltkriegs von seinen verfolgten Eltern bei einer älteren Frau in abgelegenem Waldgebiet untergebracht. Doch wenige Tage nach seiner Ankunft verstirbt die Frau, und der Junge erschrickt so sehr, dass er versehentlich mit einer Kerze die ganze Hütte in Brand steckt. Auf sich allein gestellt, begibt er sich auf eine gefährliche Reise von Dorf zu Dorf durch ihm unbekanntes Gebiet. Dabei durchlebt er Momente des Grauens, des Leidens und seltener auch der Hoffnung.

Wo ist bloss die Gretel?
Wo ist bloss die Gretel?

Im ersten Dorf, in dem er eintrifft, wird er für den Teufel gehalten. Er landet beim Tyrannen Miller (Udo Kier), der seine Frau und seinen Diener so brutal behandelt, dass der Junge wieder flüchtet. Einen angenehmeren, aber ebenfalls kurzen Aufenthalt hat er beim Vogelfänger Lekh (Lech Dyblik). Aus den Fängen der Gestapo wird er von einem Priester (Harvey Keitel) gerettet, jedoch bringt ihn dieser ausgerechnet beim Pädophilen Garbos (Julian Sands) unter. Erst als er bei der russischen Division landet und ihn der Offizier Gavrila (Aleksey Kravchenko) einem Scharfschützen (Barry Pepper) als Protégé übergibt, wähnt er sich nach langer Zeit wieder in Sicherheit.

Das Kriegsdrama von Václav Marhoul als schockierend zu bezeichnen, ist noch viel zu harmlos. The Painted Bird veranschaulicht den Schrecken des Krieges auf eine derart sadistische, primitive und obszöne Weise, dass dies eine abstossende Wirkung erzeugt. Obwohl jede Einstellung der Schwarzweissaufnahmen wunderschön anzuschauen ist und die schauspielerischen Leistungen, insbesondere jene des jungen Hauptdarstellers Petr Kotlár, grandios sind, lässt sich der Film nur schwer ertragen. Wer sich darauf einlässt, muss sich auf das Schlimmste vorbereiten.

Marhouls Kriegsdrama The Painted Bird basiert auf dem gleichnamigen kontroversen Buch des polnisch-amerikanischen Schriftstellers Jerzy Kosiński. Ursprünglich als autobiografisches Werk beworben, stellte sich später heraus, dass die Geschichte nicht nur grösstenteils fiktional ist, sondern auch ein Plagiat diverser populärer polnischer Romane darstellt. Dennoch wurde das Buch von Kritikern gefeiert.

Das enorme Ausmass der Brutalität, mit welcher der Protagonist des Romans konfrontiert wird, greift Marhoul für seine Verfilmung auf und stellt die Erlebnisse des Jungen ungeschminkt und schonungslos dar. Und genau hier liegt das Problem des Films. Die Absichten Marhouls, die Grausamkeit des Krieges aufzuzeigen und der Opfer des Holocaust zu gedenken, sind schön und gut. Aber die Art und Weise, wie er dies darstellt, ist verstörend und abstossend und eignet sich nicht für einen Kinofilm. Es reicht nicht, dass eine vermeintliche Hexe von Frauen öffentlich mit einer Flasche geschändet wird - es muss auch noch nachgetreten werden. In einer weiteren schrecklichen Szene werden jüdische Flüchtende gezeigt, die aus einem fahrenden Zug springen und allesamt von Nazis erschossen werden. Als wäre dies nicht schlimm genug, befindet sich eine schwangere junge Frau unter den Flüchtlingen, welche mit Gewehrschüssen zuerst noch zum Herumtanzen gezwungen wird, bevor der tödliche Schuss fällt.

Was The Painted Bird zugutegehalten werden muss, sind die wunderschönen kontrastreichen Schwarzweissbilder, in denen die Geschichte erzählt wird und welche die optimale Atmosphäre für die Handlung schaffen. Sie erinnern an die frühen Werke von Andrei Tarkovsky, wie beispielsweise Ivan's Childhood - Ivanovo detstvo oder Andrey Rublev. Zudem ist der Film dramaturgisch gut aufgebaut und die Schauspieler liefern vorzügliche Leistungen ab, allen voran der junge Hauptdarsteller Petr Kotlár, dessen leerer Blick die grausamen Erlebnisse schön widerspiegelt. Erzählt wird aus seiner Perspektive und auf ruhige Weise, ohne Voice-over oder Soundtrack, welche einen gekünstelten Eindruck vermitteln könnten.

Der Titel entspringt übrigens einer der schöneren Begegnungen, die der Junge macht. Als er sich beim Vogelfänger Lekh befindet - einer der wenigen Figuren, die ihn gut behandeln - bemalen sie einen Vogel und lassen ihn hinauffliegen zu einem Schwarm von weiteren Vögeln, die gerade über ihren Köpfen kreisen. Der Flug des bemalten Vogels ist jedoch nur von kurzer Dauer. Er wird im Schwarm nicht integriert und fällt wieder. Der Junge lernt hier bereits früh eine wichtige Lektion. Andersartigkeit hat es schwer, Akzeptanz zu finden.

/ gli