On-Gaku: Our Sound - Ongaku (2019)

On-Gaku: Our Sound - Ongaku (2019)

  1. , ,
  2. 71 Minuten

Filmkritik: Japanese Rock Story

18. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2020
Eine Band für Anfänger
Eine Band für Anfänger © Kenji Iwaisawa

Kenji, Ota und Asakura sind Schüler einer japanischen Highschool. Sie werden aufgrund ihres hohen Aggressionspotenzials und ihres erwachsenen Aussehens von den anderen Schülern gefürchtet. Viele Worte verlieren die Jungs nicht, dennoch schinden sie Eindruck bei ihren Mitmenschen. Regelmässig verabreden sie sich mit Typen aus anderen Schulen, um Prügeleien abzuhalten. Ansonsten hängen sie zusammen ab, spielen Videospiele, rauchen, lesen oder starren Löcher in die Luft.

Durch einen Zufall kommt Kenji an eine Bassgitarre, als bei einem Überfall ein engagierter Mann den Räuber stellen will und Kenji bittet, währenddessen seinen Bass zu halten. Ohne jegliche musikalische Erfahrung, beschliessen die drei, eine Band zu gründen. Ihr Engagement widmen sie fortan nur noch den Bandproben, die Schlägereien interessieren sie nicht mehr. Als dann das Rock-Festival der Stadt ansteht und sie mit ihrem minimalistischen Drum'n'Bass gut ankommen, steht einer Karriere eigentlich nicht mehr viel im Weg.

In der Liga der ganz grossen Animationsfilme spielt On-Gaku nicht mit - dafür ist er zu extravagant und abgefahren. Optisch ausgezeichnet durch einen geradlinigen, erst recht minimalistischen Zeichnungsstil und den daraus entstehenden Wandel sowie auditiv durch einen rockigen bis Drum'n'Bass-lastigen Sound, hebt er sich von gängigen Anime-Romanzen sicht- und hörbar ab. Nicht jedem wird dies gleichermassen gefallen; wer jedoch offen für etwas Individuelles in Sachen Anime und die japanische Kultur ist, dürfte Spass an dem schrägen Film haben.

On-Gaku - Our Sound heisst das Erstlingswerk von Kenji Iwaisawa. Ein typischer, japanischer Anime, also? Mitnichten! Denn der Film ist anders, als es die meisten, unterdessen auch in der westlichen Kultur äusserst populären, Animationsfilme aus dem Land der aufgehenden Sonne sind.

Im Anime-Bereich handelt es sich um einen Independent-Film, weder ausgelegt auf kommerziellen Erfolg oder süsse Charaktere mit grossen Kulleraugen noch auf eine zuckersüsse Lovestory. Hier ist alles rudimentärer, ursprünglicher, einfacher. Während sieben Jahren hat der Regisseur, Autor, Cutter, Sound-Supervisor und eben Zeichner Iwaisawa ungefähr 40'000 Einzelzeichnungen angefertigt, aus welchen der Indie-Anime schlussendlich entstanden ist.

Der gesamte Film ist handgezeichnet und kann getrost als Bewerbungsmappe in stilistischer Vielfalt des Zeichnens gewertet werden. Dieser verändert sich nämlich mit zunehmender Zeit des Filmes stetig, passt sich den Charakteren und deren Entwicklungen und Umständen an. Von martialisch stilisierten Zeichnungen ohne jeglichen Detailreichtum mit geradem, ruhigem Strich, bis zu abgedrehten Szenerien mit wildem, bunten Zeichnungsstil und erstaunlicher Detailvielfalt, ist alles dabei. Dies sorgt für ordentlich Abwechslung, leider aber auch für Unruhe. Der stark stilisierte Zeichnungsstil ist ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig und teilweise sehr minimalistisch gehalten. Vor allem die Augen der Charaktere, ohne Augenlied und dadurch stets mit einem starren Blick, ohne ein einziges Zwinkern, fallen auf.

Wie das Charakterdesign ist auch die Story recht eigenwillig und weird: On-Gaku trumpft auf mit schrägen Charakteren, welche oftmals wortkarg, mit den Händen in den Hosentaschen und schlurfender Gangart auffallen. Des Öfteren kommt es während Dialogen zu Pausen, während welchen sich die Charaktere wortlos anstarren, was sehr lustig wirkt. Mit Humor weiss Iwaisawa definitv umzugehen, er treibt die Handlungen der Charaktere sogar ins überzogen Lächerliche und schafft damit eine gute Atmosphäre. Die drei schrägen Figuren, um welche sich die Story dreht, pendeln zwischen lethargischen Schul-Schlägern und passionierten, durchwegs ambitionierten Musikern, was zusätzliche Lacher zu generieren vermag.

Diverse WTF-Momente, eine Ode an die Rockmusik, Rock'n'Roll und Woodstock plus ein Zitat eines berühmten Beatles-Plattencovers machen den 71-minütigen Musik-Anime-Spass kurzweilig unterhaltsam. In On-Gaku steckt sehr viel Arbeit und Liebe, das alleine macht ihn bereits sehenswert. Ein Faible für abgedrehte Storys, Charaktere und ein gewisses Flair für Japans Filmergüsse muss man schon haben, ansonsten wird man wenig Freude am Film finden.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Letterboxd