Once Upon a Time... in Hollywood (2019)

Once Upon a Time... in Hollywood (2019)

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  3. 161 Minuten

Filmkritik: To Live and Die in L.A.

72e Festival de Cannes 2019
"Sorry Honey, bin grad auf dem Sprung!"
"Sorry Honey, bin grad auf dem Sprung!"

L.A. im Jahr 1969: Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), Star einer TV-Cowboy-Serie, steckt in einer Sinnkrise. Eigentlich möchte er nun auch in der Filmwelt durchstarten, doch Produzent Marvin Schwarzs (Al Pacino) bietet ihm nur eine Rolle in einem Italo-Western an. Ein italienischer Western? Seriously? Mit seinem Stunt-Double und Kumpel Cliff Booth (Brad Pitt) sinniert er darüber, ob er seine besten Jahre wohl schon hinter sich hat. Cliff wiederum hat in der Branche einen einschlägigen Ruf, steht er doch im Verdacht, vor einigen Jahren seine Ehefrau umgebracht zu haben, jedoch unbestraft davongekommen zu sein.

Gelb allein macht nicht glücklich.
Gelb allein macht nicht glücklich.

Gleich ein Haus weiter lebt die junge aufstrebende Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie). Da ihr Ehemann, Regie-Wunderkind Roman Polanski, wegen Dreharbeiten ausser Haus ist, schmeisst die fröhliche junge Frau gerne Partys mit ihren Freunden oder geht auch mal alleine ins Kino und geniesst die bescheidene Popularität, die ihr die Rolle in einer Dean-Martin-Komödie bisher gebracht hat. Von den seltsam abgedrehten und meist zugedröhnten Hippies, die gelegentlich auf der Strasse rumlungern, nehmen zunächst weder sie noch Rick oder Cliff richtig Notiz.

Während 159 Minuten feiert Quentin Tarantino das Kino, die swingenden Sechziger und ein wenig sich selbst. Die Story wird in diesem starbesetzten, detailverliebten Trip mit fetziger Musik zeitweise fast ein wenig zur Nebensache. Der Film mäandriert über weite Strecken vor sich hin und zieht die Spannungsschraube erst gegen Schluss ein wenig an. Doch um Spannung geht's hier gar nicht. Sondern um die Stimmung. Once Upon A Time... in Hollywood ist ein schwelgerisches kleines Fest für Filmfans.

Wer möglichst schnell von A nach B kommen will, nimmt am besten die Autobahn. Wer hingegen die Strecke geniessen will, ist auf der Landstrasse besser aufgehoben. Quentin Tarantino liebt in dieser Hinsicht die Landstrasse. Und das nicht nur im metaphorischen, sondern auch im wörtlichen Sinn, rast doch Brad Pitts Charakter mehrmals im Auto mit voll aufgedrehter Sixties-Rockmusik durch die Gegend. Because he can.

Bereits in seinem letzten Film The Hateful Eight hat Tarantino die aufreizende Langsamkeit inszeniert; doch war die erste Hälfte damals von knisternder Spannung geprägt, ist diesbezüglich hier Fehlanzeige. Im ersten Teil von Once Upon A Time... in Hollywood nimmt sich Tarantino sehr viel Zeit, das Hollywood der späten Sechziger einzufangen. Mit detailverliebten Kostümen und präziser Ausstattung lässt er diese Zeit aufleben und lässt sich dabei nicht die Gelegenheit entgehen, gleich mehrere "Filme im Film" zu integrieren. Zudem verbeugt er sich einmal mehr vor den von ihm geliebten Italo-Western und lässt Brad Pitts Charakter in einer umwerfenden Flashback-Szene gegen Bruce Lee antreten.

Etwas düsterer wird's dann erst in der zweiten Hälfte, bei der man sich auf den eigentlichen Kern der Geschichte besinnt. Diese basiert ja auf den schrecklichen Morden der Manson-Family, die allerdings nur nebenbei in die Story eingewebt werden. Das Thema lässt auf einen ziemlich blutigen Film schliessen, doch tatsächlich erweist er sich in dieser Hinsicht als einer der am wenigsten brutalen Tarantinos überhaupt. Nur in einer Szene gegen Schluss geht's dann doch zur Sache, und das dafür dann so richtig heftig, dass einige Kontroversen wohl nicht ausbleiben dürften.

Abgesehen davon ist Once Upon A Time... in Hollywood aber vor allem eines: eine Liebeserklärung an Hollywood mit all seinen Stars und Sternchen, gespickt mit einer riesigen Menge an bekannten Gesichtern. Leonardo DiCaprio ist grossartig als alternder Hollywoodstar, gerade auch in seinen Drehszenen. Sein Rick Dalton hat in seiner Mischung aus Arroganz und Unsicherheit etwas Liebenswertes; Brad Pitt gibt den wohl typischsten Tarantino-Charakter, cool und brutal; Margot Robbie als Sharon Tate ist in ihrer Rolle wohl etwas unterfordert, gibt die naiv-fröhliche Schauspielerin aber mit einer entwaffnenden Unschuld; und Al Pacino ist fast schon eine Verschwendung für eine solch kleine Rolle.

Aber die Verschwendung ist ja Programm. Man könnte an dieser Stelle die zahlreichen weiteren Darsteller erwähnen, die dem Film ihren Stempel aufdrücken, doch dann würde die Kritik nicht nur überlang, es würde auch ein wenig den Spass verderben, diese Schauspieler selbst in ihren Rollen zu entdecken; genauso wie die unzähligen sonstigen Details, One-Liner, Easter-Eggs und Verweise, die der Regisseur nur zu gern immer wieder einstreut. Dass er dabei die Handlung ausbremst, ist unvermeidlich, aber Konzept des Filmes. Ein Film für Eilige und Ungeduldige ist es definitiv nicht. Aber diese können ja die Autobahn nehmen.

/ ebe