Nova Lituania (2019)

  1. 96 Minuten

Filmkritik: Südsee statt Ostsee

2. OutNow Film Festival 2021
Abenteuer Kolonialgeschichte
Abenteuer Kolonialgeschichte © MUBI

Im Jahr 1938 feiert die Republik Litauen ihr zwanzigjähriges Bestehen. Bei einer Militärveranstaltung beschwört der Präsident (Valentinas Masalskis) den Geist der Souveränität. Doch nicht nur die politische Führung des Landes blickt mit grosser Sorge in die nahe Zukunft. Im Osten wartet die Sowjetunion, im Westen das Deutsche Reich. Und die eigene historische Hauptstadt Vilnius wurde bereits im letzten Krieg von Polen erobert. Das kleine baltische Land fürchtet sich vor dem bevorstehenden grossen Sturm.

Der Universitätsprofessor Feliksas (Aleksas Kazanavicius) macht sich bereits seit längerer Zeit Gedanken über die Zukunft seines Landes. Die 2,8 Millionen Einwohner würden keiner Form der feindlichen Eroberung standhalten können. Seine kühne Idee: die Gründung einer Überseekolonie. Ein Back-up-Plan für den Nationalstaat. Ausgerechnet beim erkrankten Premierminister (Vaidotas Martinaitis) findet Feliksas Gehör. Doch die Zeit drängt und es stellt sich die Frage, ob man wirklich ein ganzes Land umsiedeln kann.

Überzeugende Schauspieler, ein ansehnlicher Look und eine kühne Idee. Nova Lituania hat die Voraussetzungen für ein unterhaltsames Historiendrama. In Ansätzen gelingt es dem Film, dem nationalen Trauma gerecht zu werden. Doch immer wenn die Hauptfigur nach Hause kommt, werden die grossen Fragen und Probleme gegen die eigene Schwiegermutter eingetauscht. Man fragt sich gelegentlich, was hier eigentlich passiert, weil nicht nur der geschichtliche Kontext fehlt. Die erzählerischen Schwächen münden zudem in ein enttäuschendes Finale.

Auf den ersten Blick scheint der Plan eines neuen Litauens verrückt zu sein, ebenso auf den zweiten Blick. Doch Regisseur Karolis Kaupinis nimmt dieses Fünkchen Wahrheit hinter der Kolonisierungsidee und nutzt es für sein seriöses Historiendrama. Den genauen Ausgang der Ereignisse muss man sich aus den Geschichtsbüchern holen. Vielmehr geht es in Nova Lituania um die Stimmung eines Landes. Um diesen einen Punkt in der Geschichte, der stellvertretend für so viele andere steht.

Vieles spielt sich in den Räumen alter Gebäude ab. Männer, die älter aussehen als sie sind, debattieren über die Zukunft ihres Landes. Dabei können sie nicht einmal planen, was in den nächsten sechs Monaten sein wird. Die Jugend wird aufgerufen zum Patriotismus für ein Land, das seine Hauptstadt verloren hat. Selbst an der Ostsee geht es dem Film wortwörtlich um den Verlust von Land, obwohl Grenzen in Europa immer fliessend waren. Die Hafenstadt Klaipėda beweisst es mit ihrer turbulenten Geschichte. Die Angst der Figuren und der Litauer ist aber der Verlust der eigenen Identität, dass mit der Aufgabe von Land auch der kulturelle Schwund einsetzt. Bis nichts mehr übrig ist und man in einer anderen Nation verschwindet.

Diese Angst eint die beiden Hauptfiguren, die sich in ihrer Not vielleicht gegenseitig vom Plan der Kolonie überzeugen. Und irgendwann erreicht man den Punkt, an dem man auch als Zuschauer an Feliksas kühne Idee glauben will - obwohl der Ausgang der Geschichte bekannt ist. Es ist eine interessante Kombination aus Pragmatismus und Fantasie, die hier abgebildet wird. Dazu kommt ein sehr trockener Humor, der oft mit Schweigen und unverständnisvollen Blicken endet. Feliksas Familiendrama daheim nimmt dafür einen sehr grossen Teil des Films ein. Doch das Schicksal seiner Ehe scheint auch Feliksas unbedeutend gegenüber dem Schicksals des Landes zu sein.

Nova Lituania versucht das Beste aus seinem Budget zu machen. Die Limitierung auf die Innenräume fällt sehr auf, Menschenansammlungen oder Öffentlichkeit gibt es kaum. Ein altes Auto am leeren Ostseestrand scheint das Höchste der Gefühle zu sein. Der digitale Schwarz-Weiss-Look und das Bild im 4:3-Format tun mehr für die Simulation von Geschichte als die limitierte Ausstattung des Films. Gerade die Beleuchtung fällt in einigen Szenen positiv auf und gibt einem gelegentlich das Gefühl, einen Film aus den Dreissigerjahren zu gucken.

Auch erzählerisch findet ein Verzicht statt. Die Geschichte über ein litauisches Trauma setzt vieles voraus. Mit dem Finale überspannt man aber den Bogen. Gerade wenn sich die Handlung zuspitzt, wird man als Zuschauer allein gelassen und mit einem unklaren Ende konfrontiert. Die Hauptfiguren schweigen und andere übernehmen das Reden. Es ist ein geschichtliches Ende, aber keines für die Handlung des Films.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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