Nous finirons ensemble (2019)

Nous finirons ensemble (2019)

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  3. 135 Minuten

Filmkritik: Champagner-Schmerz und Hummer-Humor

Auf der Sonnenseite des Lebens
Auf der Sonnenseite des Lebens

Die Unbeschwertheit ist in dieser Landschaft förmlich greifbar. Traumhaft glitzert das Meer an der Küste, ruhig branden die Wellen gegen die Deiche. Etwas landeinwärts fährt Max (François Cluzet) vor, dessen Gesichtsausdruck so gar nicht ins paradiesische Setting passen will. Er steigt aus dem Taxi, schleppt sich zum hohen Holzzaun und schliesst ihn auf. Als er auf der grossen Veranda senes Ferienhauses steht, atmet er tief durch und macht sich daran, sein Anwesen auf Vordermann zu bringen. Wenn der Immobilienmakler kommt, soll seine Oase wenigstens ein wenig anständig aussehen.

Landratten-Wasserski?
Landratten-Wasserski?

Während Max mit dem Gartenschlauch kämpft, pirscht sich eine Gruppe Menschen an, bestehend aus seiner Lebenspartnerin Sabine (Clémentine Baert) und seinen Freunden (u. a. Marion Cotillard, Gilles Lelouche und Laurent Lafitte). Letztere hat er allerdings vor drei Jahren zum letzten Mal gesehen - und nicht mit allen ging er im Guten auseinander. Der Grund ihres Überraschungsbesuches ist Max' anstehender Geburtstag. «60 Jahre, das kannst du doch nicht alleine feiern», finden sie. Doch genau das hatte er vor.

Angespannt und unbeschwert zugleich führt einen diese spontane Patchwork-Familie durch ein emotionales Auf und Ab. Doch so sehr die Story zum Vergessen ist, so befreit spielt das Ensemble auf. Es kreiert plastische Charaktere, die wiederum eine Atmosphäre erzeugen, in der man sich gerne aufhält. Ein lebensnaher Obere-Mittelschicht-Film mit einem Schuss Kino.

Dass das Jungsein keine Frage des Alters ist, leben hier alle Charaktere vor. Sie sind im Saft wie eh und je und fühlen sich wohl darin. So ist diese Dramedy auch kein Film über das Älterwerden, sondern vielmehr über Entscheidungen, Statussymbole und Adrenalinschübe. Wie eine Serie an Fallschirmsprüngen sollen die Szenen an das Wichtige im Leben erinnern. Sollen. Wenn man aber versucht, dem Ganzen etwas Tiefgründiges abzuringen, legt man das Pathos des Erzählten schonungslos offen. Denn was hier geschieht, ist an sich nicht relevant und ruft Bedauern allerhöchstens in einem finanziell privilegierten Milieu hervor.

Deshalb tut der Zuschauer gut daran, sich zurückzulehnen und von der Atmosphäre gefangennehmen zu lassen. Wenn man den Fokus weg vom Was hin zum Wie des Erzählten wendet, hält man sich sehr gerne nahe dieser bunt gemischten, sympathischen Truppe auf. Sie zelebriert stilsicher ein Kammerspiel auf der Grundlage des Lebensgefühls inmitten von Widersprüchlichkeiten, wie es anscheinend nur die Franzosen können. Denn bei aller Leichtfüssigkeit steht die Szenerie unter permanentem Hochdruck. Die Protagonisten tanzen auf dem Seil, das den emotionalen Abgrund überbrückt und durch ihren exzessiven Alkoholkonsum verdeutlicht sich der Balanceakt, den sie zu bewältigen haben.

Überhaupt kommt man den vielen Charakteren sehr nahe. Während den etwas langen 135 Minuten erhalten sie alle viel Profil, wenngleich einige Nebenrollen zunehmend funktionialisiert werden. Dabei fällt die schauspielerische Leistung nie ab. Es ist beeindruckend, wie Nous finirons ensemble die unzähligen Personen unterbringt und ihnen gleichzeitig Leben einhaucht - und das (fast) ohne dabei zuzuspitzen. Auch wenn es manchmal stark nach Komödie riecht und zwischendurch Pointen aufblitzen, wird nie darüber hinweggetäuscht, dass deren Nährboden immer der Schmerz darstellt. Das hat durchaus etwas Humorvolles an sich.

/ arx