Notre-Dame du Nil (2019)

Notre-Dame du Nil (2019)

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  2. 93 Minuten

Filmkritik: Und leise nähert sich der Tod

Die Reinigung der Statue ist Pflicht.
Die Reinigung der Statue ist Pflicht. © trigon-film

In den Bergen Ruandas nahe der Quelle des Nils liegt das katholische Internat Notre-Dame du Nil. Hier werden die Töchter der Elite des Landes ausgebildet. Auf dem Stundenplan stehen Fächer wie Geografie und Geschichte, aber auch das Erlernen guter Manieren, das Führen des Haushalts und des gottesfürchtigen Lebens - alles Fähigkeiten, die eine gute Politikergattin ausmachen. Zum Schulalltag gehört zudem die regelmässige Prozession zur Marien-Statue an der Quelle.

Die Idylle ist nicht von Dauer.
Die Idylle ist nicht von Dauer. © trigon-film

Trotz der institutionellen Restriktionen und der Strenge der Schwestern führen die Mädchen ein sorgenfreies Leben und schlagen sich mit den üblichen Teenagerproblemen und -träumen herum. Was sie noch nicht ahnen: Die Sommerferien des Jahres 1973 werden eine Zäsur bilden. Ihr Leben, das bis dahin behütet und idyllisch war, wird schon bald der Vergangenheit angehören. Der schwelende Konflikt zwischen den Völkergruppen der Tutsi und der Hutu macht auch vor der Schule nicht halt. Hutu-Schülerinnen beginnen gegen ihre Tutsi-Mitschülerinnen zu hetzen. Was zunächst mit rein verbalen Attacken beginnt, gerät in eine Spirale der Gewalt mit fatalen Folgen.

Notre-Dame du Nil berührt und fesselt zugleich. Dem Film gelingt der schwierige Balanceakt zwischen Traum und Wirklichkeit, Natur und Mensch, Vergangenheit und Gegenwart, Nähe und Distanz. Die Geschichte entfaltet sich langsam und in stimmigen Bildern, die von kunstvoll-poetisch bis hin zu erbarmungslos brutal reichen. Dadurch entwickelt sich eine durchgehende Spannung, die den immer schärfer werdenden Konflikt spürbar werden lässt.

Der ostafrikanische Staat Ruanda erlangte traurige Bekanntheit durch den Völkermord an den Tutsi im Jahr 1994. Doch die Spannungen und Konflikte zwischen den Tutsi und den Hutu reichen Jahrzehnte zurück. Die ruandische Autorin Scholastique Mukasonga hat die traumatischen Erfahrungen ihrer Jugend in ihrem 2012 erschienenen Roman «Notre-Dame du Nil» verarbeitet. Angesiedelt im Jahr 1973 und in einem abgelegenen Internat, erlaubt die Geschichte einen persönlichen und äusserst intimen Zugang zu den immer bedrohlicher werdenden Ereignissen. Regisseur Atiq Rahimi gelingt es ausgesprochen gut, diese Intimität in eine Bildsprache zu übersetzen, ohne dass das Ganze zu voyeuristisch wirkt.

Die Gegensätze, die diesem Land innewohnten und es zu einem mosaikartigen Gebilde werden liessen, spiegeln sich im Kleinen im Internat wider. Diesem Umstand wird auch in der Erzählform des Films Rechnung getragen. So gibt es keine bestimmte Protagonistin, aus deren Sicht die Zuschauer alles erleben. Jedes der Mädchen hat eigene Sorgen, Ängste und Träume, aber auch eigene Glaubenssätze und Wertesysteme, die es aus der eigenen Familie mitbringt. Das Aufeinandertreffen dieser unterschiedlichen Weltanschauungen und die daraus resultierenden Konflikte erzeugen eine unheilvolle Spannung, der man sich beim Zuschauen nicht entziehen kann. Die Bedrohung - vor allem aber auch ein Gefühl des Ausgeliefertseins - ist zu jeder Zeit spürbar.

Notre-Dame du Nil ist schon allein wegen seiner Bildsprache und der verwendeten Stilmittel sehenswert. Eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen, aber auch traumhaft anmutende Sequenzen mit viel Symbolik, lassen Raum für Reflexion über Ereignisse und Dialoge, die dazwischen stattfinden. Die Bilder entwickeln eine solche Kraft, dass das Gesehene auch noch wirkt, nachdem man den Kinosaal verlassen hat.

Sule Durmazkeser [sul]

Sule schreibt seit 2019 als Freelancerin für OutNow. Sie ist Hitchcock-Fan, liebt das Hollywoodkino der Sechziger- und Siebzigerjahre und hat eine Schwäche für paranormale Horrorfilme und düstere Thriller. Mit dem derben Humor vieler US-Komödien kann sie wenig anfangen.

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