Mr. Jones (2019)

Mr. Jones (2019)

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Filmkritik: Grüsse aus Moskau

69. Internationale Filmfestspiele Berlin 2019
Me and Mr Jones
Me and Mr Jones

1933. Der walisische Journalist Gareth Jones (James Norton) war lange als Berater des ehemaligen Premierministers Lloyd George tätig. Nachdem er bereits Adolf Hitler auf einer Flugreise interviewte, ist Jones der nächsten grossen Story auf der Spur. Wie gelingt es Stalin, das wirtschaftliche Wachstum der Sowjetunion voranzutreiben? Er beschliesst, nach Moskau zu reisen und Stalin höchstpersönlich zu interviewen.

Vor Ort lernt Jones die Journalistin Ada Brooks (Vanessa Kirby) kennen. Die beiden finden heraus, dass in der Ukraine eine Hungersnot herrscht, die von der sowjetischen Regierung verursacht und verheimlicht wird. Jones fährt daraufhin in die Ukraine und sieht dort das Ausmass der Hungerkatastrophe mit eigenen Augen. Seine Enthüllungsgeschichte ist nicht nur der Regierung in Moskau ein Dorn im Auge, sondern auch westlichen Korrespondenten und Politikern. Unter ihnen: der Pulitzer-Preisträger und Auslandskorrespondent der New York Times Walter Duranty (Peter Sarsgaard). Er versucht, Gareth mit allen Mitteln zu diskreditieren.

Agnieszka Holland präsentiert mit Mr Jones ein mitreissendes Historiendrama, das aktueller nicht sein könnte. Nicht nur klärt der Film über eine historische Katastrophe auf, die vielen nicht bekannt sein mag - den sogenannten Holodomor -, Mr Jones hebt auch die Wichtigkeit von unabhängigen Journalisten hervor. In cineastischen Bildern setzt die polnische Regisseurin Gareth Jones ein würdiges Denkmal.

Mit ihrem Film verdeutlicht Agnieszka Holland die Bedeutung unabhängiger Berichterstattung. Zugleich ist Mr Jones als Mahnung zu verstehen. Er warnt vor der Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit und vor der Korruptheit von Politik und Medien. Holland selbst verbrachte 1970 übrigens einige Wochen in einem sowjetischen Gefängnis, weil sie geholfen hatte, verbotene Literatur in die Tschechoslowakei zu schmuggeln. Auch für die Drehbuchautorin, Andrea Cahlupa, ist Mr Jones ein persönlicher Stoff. Ihr eigener Grossvater überlebte den Holodomor. Seine Geschichte inspirierte sie dazu, das Drehbuch zu verfassen.

Mindestens drei Millionen Menschen fielen der Hungerkatastrophe 1932 und 1933 zum Opfer. Einige Schätzungen belaufen sich gar auf vierzehn Millionen. Dass die westliche Welt nichts gegen den Holodomor unternahm, hing auch mit der damaligen Berichterstattung zusammen. Einige Auslandskorrespondenten befürchteten, den Zugang zu Moskau zu verlieren, wenn sie zu kritisch über das Regime berichteten. Andere waren schlicht zu korrupt, um über die Wahrheit zu schreiben. Einer der wenigen, der den Mut aufbrachte, über die Tatsachen zu berichten, war Gareth Jones.

Seine Geschichte inspirierte George Orwell angeblich zu seinem Klassiker "Farm der Tiere". Und so taucht auch der Schriftsteller und Journalist in einer kleineren Rolle auf (gespielt von Joseph Mawle). Die Worte aus Orwells Fabel umrahmen die Handlung des Films, der in entsättigten Farben über die Leinwand flimmert. Wie die eisige, karge Winterlandschaft der Ukraine ist die Farbpalette von Mr Jones kühl und grau. Jones erfährt die Hungersnot am eigenen Leib und die Zuschauer können mit ihm fühlen. Lediglich die Anwesenheit von Vanessa Kirby in der Rolle der Ada scheint dem Film ein wenig Wärme zu verleihen. Der titelgebende Journalist selbst ist ideal mit James Norton (Northmen - A Viking Saga, Flatliners) besetzt. Sein Mr. Jones ist idealistisch, mitfühlend und hartnäckig zugleich. Keine schlechte Kombination für einen Protagonisten.

/ swo