Mosul (2019/I)

Filmkritik: Die Avengers von Mosul

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
To the rescue: die SWAT-Einheit Nineveh
To the rescue: die SWAT-Einheit Nineveh

Mosul, die zweitgrösste statt im Irak, ist vom Krieg zerrüttet. Der junge Polizist Kawa (Adam Bessa) und sein Kollege haben sich in einem Café in Schutz gebracht, wo sie von IS-Kämpfern angegriffen werden. Als die SWAT-Einheit Nineveh auftaucht und den beiden zu Hilfe kommt, schliesst Kawa sich der Truppe an, ohne deren genaue Mission zu kennen.

Jetzt wird aufgeräumt!
Jetzt wird aufgeräumt!

Geleitet wird das Team von dem früheren Polizeikommissar Major Jaseem (Suhail Dabbach). Die SWAT-Einheit macht sich auf den Weg durch das zerstörte Mosul, um den sogenannten Islamischen Staat aus der Stadt zu vertreiben. Bei den anderen Kämpfern des Teams stösst Kawa zunächst auf Misstrauen. Über das genaue Ziel ihrer Mission halten sie den jungen Polizisten im Unklaren. Doch je weiter sie vordringen, desto mehr lernt Kawa die Kameraden zu schätzen, denn sie alle haben das gleiche Ziel: Den IS endgültig auslöschen.

Mosul ist ein Kriegsthriller, der die brutale Realität im Kampf gegen den IS - von den Locals «Daesh» genannt - aufzeigt. Das Regiedebüt von Matthew Michael Carnahan überrascht mit einem Cast, der ausschliesslich aus Schauspielern besteht, die einen nahöstlichen oder nordafrikanischen Hintergrund haben. Obwohl der Film auf Arabisch gedreht wurde, sieht er aber durch und durch amerikanisch aus. Der actioneiche Streifen liefert viele Bilder, die man so oder ähnlich bereits in anderen Filmen des Genres gesehen hat. Dafür bietet er eine für einen US-Thriller besondere Perspektive: Statt amerikanischen Soldaten im Ausland kämpfen hier einheimische Iraker um ihre Stadt.

Vor seiner ersten Regiearbeit machte Matthew Michael Carnahan sich als Drehbuchautor einen Namen (u.a. Lions for Lambs, World War Z). Die Idee zu Mosul kam ihm, als er den Artikel «The Desperate Battle to Destroy ISIS» im «New Yorker» las. Mit Anthony und Joe Russo (Avengers: Endgame) als Produzenten steht hinter dem Film ein Team, das sich mit Action- und Kampfszenen bestens auskennt.

Carnahan und Kameramann Mauro Fiore (u.a. Avatar) führen die Zuschauer mit sicherer Hand mitten hinein in das kriegerische Chaos. Mosul öffnet mit Luftaufnahmen der zerstörten Stadt. Ein ockerfarbenes Meer aus Schutt und Asche, in dem Menschen täglich ums Überleben kämpfen. Die Figuren befinden sich meistens im Kugelhagel. Granaten fliegen. Drohnen explodieren. Köpfe werden eingeschlagen. Trotz des Realismus bleiben die Gewaltszenen im Bereich des Zumutbaren.

Die Mission der Nineveh-Einheit wird von Station zu Station gefährlicher, das Team immer kleiner. Alle Mitglieder der Einheit haben entweder ein Familienmitglieder an den Daesh verloren oder sind von ihnen verletzt worden. Sie alle haben persönliche Schicksalsgeschichten, die im Schussgewitter allerdings oft verloren gehen. Einzig Major Jaseem hält die Einheit und den Film zusammen. Suhail Dabbach spielt die Rolle mit stoischer Überzeugung. Jaseem ist eine Art Vaterfigur für Kawa und die anderen Männer. Als ehemaliger Polizeikommissar steht er für Recht und Ordnung. Als sein Team in einem zerbombten Haus Unterschlupf finden, räumt er danach deren Müll weg. Eines Tages will er die zerbombte Stadt wieder ganz aufbauen.

Hauptfigur Kawa bleibt im Vergleich dazu eher dünn. Von ihm erfahren wir lediglich, dass er jung ist und zu Anfang des Films seinen Onkel verloren hat. Im Laufe des Films lernt er, den Kameraden zu vertrauen. Alle anderen Mitglieder der Einheit scheinen hingegen austauschbar. Kleine Nebenfiguren haben im Vergleich oft stärkere Momente als Kawas neue Kumpel. Da ist z. B. der kleine Junge, der sich von dem SWAT-Team nicht retten lassen will, weil er seinem Vater versprochen hat, dass er ihn begraben wird. Hier fiebert man mit; möchte, dass der Junge schnell in den gepanzerten Wagen steigt, bevor der Daesh wieder zuschlägt.

Zwar bietet Mosul erzählerisch und filmisch nicht viel Neues, aber er schafft es, mit solchen Szenen immer wieder Spannung aufzubauen. Zudem nimmt der Film eine Perspektive ein, die man in einem amerikanischen Kriegsthriller eher selten zu sehen bekommt: die der Menschen vor Ort.

/ swo