Un monde plus grand (2019)

Un monde plus grand (2019)

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  2. 99 Minuten

Filmkritik: Cécile de France en Trance

Cécile de France - vor der Trance
Cécile de France - vor der Trance © JMH

Nach dem Tod ihrer grossen Liebe Paul flüchtet die Tonmeisterin Corine (Cécile de France) in die Mongolei. Sie will den traurigen belgischen Alltag hinter sich lassen, indem sie so weit weg reist, wie nur möglich. Da kommt ihr das Angebot, eine Doku über Rentier-Hirten zu vertonen, gerade recht. Im mongolischen Gebirge angekommen, lebt Corine mit ihrer Übersetzerin Naraa (Narantsetseg Dash) traditionell im Zeltdorf. Sie nimmt am Leben der nomadischen Tsaaten teil, bis sie während eines Rituals in Trance fällt.

Ein Hoch auf das Nichts!
Ein Hoch auf das Nichts! © JMH

Zurück in der Heimat lässt sie der Vorfall nicht mehr los. Sogar auf dem PC abgespielte mongolische Trommelgeräusche führen zu leichten Ohnmachtsfällen. Ärzte stehen vor einem Rätsel. Die Verwandschaft unterstellt ihr Spinnerei, aber Corine zieht es zurück in die Mongolei. Denn die Dorfälteste Oyun (Tserendarizav Dashnyam) hat in ihr eine schamanische Gabe entdeckt, und Corine möchte der Sache auf den Grund gehen. Sie reist zurück zu den Tsaaten.

Der mongolische Hirtenfilm gilt bei OutNow redaktionsintern als das Schnarchgenre schlechthin. Keine Action, keine Sprüche - stattdessen karge Gegend und einsame Fremdspachler. Denkbar schlechte Voraussetzungen für eine positive Review. Der Film von Fabienne Berthaud (Pieds nus sur les limaces) räumt mit diesem Klischee aber auf und ist wohl der beste mongolische Hirtenfilm ever!

Un monde plus grand ist einer dieser Filme, der im Abspann Fötelis zeigt, um auf eine wahre Geschichte hinzuweisen. Vorlage war das Leben von Corin Sombrun. Als Parisienne en Mongolie hat diese Bücher und wissenschaftliche Artikel zum Thema geschrieben. Ihre Forschungen auf dem Gebiet der klinischen Trance wären ohne ihre Erlebnisse in der Mongolei nicht möglich gewesen.

Berthaud, deren letzter Film Sky es nicht in die Schweizer Kinos schaffte, konzentriert sich auf die der forscherischen Karriere vorgelagerten Erlebnisse Sombruns mit den Mongolen. Irgendwo zwischen Johanna Spyri und Karl May sind die Nomadenvölker als «edle Wilde» in zivilisationsfernen Landschaften charakterisiert. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft ist frei und gleichberechtigt. Die Rentiere zeigen sich höchst majestätisch. Ein Fest für Feministinnen und Naturfreaks! Alles wahrhaftig und abgesegnet von Laiendarsteller und Menschen, die Sombrun selber kannten.

Berthaud arbeitet erstmal nicht mit ihre Stammschauspielerin Diane Krüger (Frankie) zusammen. Stattdessen schlüpft Cécile de France in die Hauptrolle. Man nimmt ihr die Naturverbundenheit ab. Sie spielt den neugierigen Freigeist mit animalischer Komponente und der nötigen Robustheit. Die Landschaften sind sowieso schön und die Geweihe der Rentiere ein Faszinosum. Un monde plus grand bringt einem die Kultur der Tsaaten näher, wenn auch mit einem etwas kolonialistischen Blick. Dafür verzichtet Berthaud auf allzu «gschpürschmige» Überhöhung der Trance als Allerheilmittel in der Gehirnforschung.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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