Mon frère (2019)

Mon frère (2019)

Filmkritik: Bratan, nimm den Rat an!

1. OutNow Film Festival 2020
Swimming with Men
Swimming with Men © Renaud Konopnicki

Nachdem der Teenager Teddy (MHD) des Mordes an seinem Vater beschuldigt wird, wird er in ein geschlossenes Heim für jugendliche Verbrecher eingeliefert. Dort ist er als einziger Dunkelhäutiger ein Aussenseiter, und seine introvertierte, schüchterne Art ist ein gefundenes Fressen für Enzo (Darren Muselet). Dieser hat in der Gruppe der gewalttätigen Jungs im Heim so etwas wie die Anführerrolle übernommen und stiftet alle dazu an, den Neuankömmling mit allen Mitteln aufs Übelste zu plagen und zu demütigen. Die Erzieher versuchen alles, um Teddy zu schützen, doch trotzdem kommt es zu diversen Auseinandersetzungen.

Von Freiheit kann er nur träumen
Von Freiheit kann er nur träumen © Renaud Konopnicki

Teddy beharrt darauf, dass er seinen Vater aus Notwehr umgebracht habe, um seinen kleinen Bruder zu schützen, wovon niemand etwas hören möchte. Als ein paar Monate später wieder ein Neuer auftaucht, übernimmt dieser die Alpha-Rolle. Enzo fühlt sich sofort als Leader bedroht. So verändert sich die Gruppendynamik urplötzlich, und Teddy und Enzo stehen sich nicht mehr als Feinde gegenüber, sondern lernen sich von einer ganz anderen Seite kennen.

Vieles hat man schon gesehen, was uns Regisseur Julien Abraham auftischt, doch Kino muss ja nicht immer das Rad neu erfinden. So ist ihm mit Mon frère ein starkes und bewegendes Sozialdrama gelungen, welches sich vor allem durch seine talentierten Jungdarsteller von der Masse abheben kann. Der Film rüttelt auf und geht nah. Die Tatsache, dass er dies mit gängigen Mitteln und Mustern tut, ist dabei schlussendlich irrelevant.

Filme in einem Heim, Filme mit schwer erziehbaren Jugendlichen und Filme um herzensgute Erzieher gibt es wie Sand an der französischen Küstenlinie. Mon frère probiert es trotzdem noch einmal. Mit Hauptdarsteller MHD hat der Film ein As im Ärmel, welches er perfekt ausspielt. Hinter all der Ruhe, die Teddy ausstrahlt, ist auch immer eine grosse Menge Tumult und Hass zu spüren, welche in seinen Augen gespiegelt werden. So eine subtile Performance ist nicht einfach, und MHD meistert die Herausforderung mit Bravour. Darren Muselet als pöbelnder Macho Enzo darf bei seiner Darstellung etwas mehr Gas geben, doch auch seine Figur ist überraschend menschlich und vielschichtig.

Im Verlaufe der Handlung spielt Abraham gekonnt mit den Sympathien der Zuschauer und zeigt die jugendlichen Gewalttäter auch von einer menschlichen Seite. Die Ursachen ihrer Probleme interessieren ihn mehr als eine Verurteilung ihrer begangenen Taten. Das Buzzword «Toxic Masculinity» wird hier zugegebenermassen anhand einer Fülle von Klischees thematisiert, doch verliert es dadurch nicht an Relevanz.

Nebst den Darstellern ist auch die Machart äusserst solide. Mit einer Prise Hochglanz und passender Musikuntermalung entkommt er dem TV-Look, zu welchem die Geschichte hätte verleiten können und bleibt immer cineastisch. Im letzten Drittel wechselt das Drama plötzlich das Genre und fährt als Roadmovie durch die Ziellinie. Es ist in diesem Drittel, wo der im Titel genannte Bruder doch noch in die Geschichte einfliesst. Da wir den anderen Charakteren, welche die Reise zusammen antreten, aber schon sehr nahe gekommen sind, fiebern wir bis zum Schluss mit.

Dieser kommt dann etwas abrupt und lässt einige Fragen noch offen. So sieht es aber auch mit den Leben der Figuren aus. Ihr Schicksal könnte sich jederzeit in eine andere Richtung drehen. Deshalb ist es Abraham hoch anzurechnen, dass er das Publikum selbst entscheiden lässt, wohin der Weg nun gehen könnte.

/ ma