Les misérables (2019)

Les misérables (2019)

Die Wütenden
  1. 102 Minuten

Filmkritik: Liberté, égalité, fraternité...?

72e Festival de Cannes 2019
Da sind noch alle happy.
Da sind noch alle happy.

Frankreich, im Sommer 2018: Die Equipe tricolore ist gerade zum zweiten Mal Fussballweltmeister geworden, die ganze Nation taumelt in Freudenextase, die Menschen liegen sich in den Strassen von Paris in den Armen. Doch der Friede ist nur von kurzer Dauer, zumindest in Montfermeil, einem trostlosen Ort in der Banlieue. Auf den Strassen herrschen Perspektivenlosigkeit und Spannungen zwischen den ethnischen Gruppierungen. Mittendrin: die Polizei, die für Ruhe und Ordnung sorgen soll, dabei aber auch nicht immer zimperlich vorgeht.

Stéphane (Damien Bonnard) stösst neu zur Einsatztruppe mit Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga), die beide im Ort aufgewachsen sind und die lokalen Quartiergrössen persönlich kennen. Die ruppige Art der beiden Kollegen stösst dem Neuen schon bald sauer auf. Insbesondere mit dem machohaft auftretenden Chris kommt es immer wieder zu Spannungen. Als wegen des Diebstahls eines jungen Zirkuslöwen die Gewalt zu eskalieren droht, sind die Polizisten auf allen Ebenen gefordert. Das Pulverfass im Quartier scheint kurz vor dem Explodieren.

Nein, mit Victor Hugo oder Hugh Jackman hat dieser Film nicht viel zu tun. Les misérables zeigt ein Paris weit weg von Eiffelturm, Montparnasse und Notre-Dame. Der Debütfilm von Ladj Ly zieht dank seiner Authenzität und seiner atemlosen Inszenierung die Zuschauer in seinen Bann. Ein harter, beklemmender Banlieue-Film im Stil von La Haine, der mit seiner Intensität nicht so schnell loslässt.

Wenn doch nur alles so einfach wäre wie im Fussball! Dank des Weltmeistertitels für die französische Nationalmannschaft liegen sich Menschen verschiedenster Ethnien in den Armen und johlen gemeinsam die Marseillaise - so gezeigt im Intro dieses Filmes. Doch irgendwann ist die Party zu Ende, der Alltag hält Einzug. Und der ist in der französischen Kleinstadt Montfermeil, einem Aussenbezirk von Paris, von sozialen Spannungen geprägt.

Der Regisseur Ladj Ly kennt dieses Pulverfass von Kindesbeinen an, ist er doch in Montfermeil aufgewachsen. Vor zwei Jahren verarbeitete er seine Erfahrungen in dem Kurzfilm Les misérables. Der Titel bezieht sich übrigens auf eine Schule im Quartier, die nach Victor Hugo benannt ist, dem Schöpfer des berühmten Romans. Und natürlich ist der Titel wohl auch ein Wink mit dem Zaunpfahl, was die Lebensumstände in der durchmischten Kleinstadt betrifft.

Der gleichnamige "grosse Bruder" des Kurzfilmes beginnt als Cop-Thriller im Stile von Polisse, der die Ordnungshüter auf ihrer schwierigen Gratwanderung zwischen Härte und Nachsicht begleitet. Als Identifikationsfigur für die Zuschauer dient Damien Bonnard als Newbie der Truppe, während der Macho Chris als Kotzbrocken etabliert wird und sich Djibril Zonga als Gwada in der Vermittlerrolle wiederfindet. Das mag etwas zu stark an die Good-Cop-Bad-Cop-Routine der bekannten Genrefilme angelehnt sein, doch die drei Darsteller überzeugen in ihren Rollen, genauso wie der Rest des Casts, von dem übrigens der grösste Teil von den Strassen von Montfermeil gecastet worden ist. Kein Wunder, wirkt der Film sehr authentisch. Da hat der Regisseur - um in der Fussballsprache zu bleiben - seinen Heimvorteil souverän ausgenutzt.

Die erste halbe Stunde ist geprägt von schnellen Szenenwechseln und hitzigen Dialogen. Als Zuschauer kommt man dabei kaum zum Durchatmen, insbesondere als durch einen dummen Lausbubenstreich die friedlich-aggressive Stimmung im Quartier in Gewalt umzuschlagen droht. Mit diesem Setting wiederum erinnert Les misérables einerseits an den wohl wichtigsten Banlieue-Film La Haine, andererseits auch an Spike Lees Do The Right Thing. Und nicht nur wegen Lys Hautfarbe, sondern auch wegen der offensichtlichen Wut im Bauch, der Unversöhnlichkeit, mit der er diese Eskalation der Gewalt inszeniert, ist der Vergleich mit dem berühmten amerikanischen Regisseur nicht aus der Luft gegriffen.

Angenehm anzuschauen ist das definitiv nicht. Doch der Film ist packend inszeniert und lässt bis zur letzten Minute mitzittern. Gleichzeitig zeigt er, dass auch die Polizisten im gleichen Boot sitzen wie die Bewohner des Quartiers: Letztendlich geht es nur darum, irgendwie zu überleben. Ladj Lys Langfilmdebüt ist ein überzeugender Fiebertraum von einem Copfilm; ein Alptraum, der etwas länger andauert als das französische Fussball-Sommermärchen von 2018.

/ ebe